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Der Traum eines jungen Mädchens...(198) PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Uta Ludwig   
Mittwoch, 28. Mai 2014 um 14:52

Mit dem Gesicht in einen Ast gelaufen...

 

Polly erlebte in ihrem Reitverein alles, was andere nur als passive Zuschauer sich im Fernsehprogramm beguckten. Allerdings stand für sie immer der Sport und das Leben mit den Tieren im Vordergrund. Unterhaltung, große Gefühle und Spannung fanden in ihrer Reitstall-Gemeinschaft statt. Manchmal war sie selbst mittendrin, manchmal nur Zeuge.

 

Wie alle anderen Reiter des Stalles kam sie jeden Tag. Das lag in erster Linie auch daran, dass sie stolze Besitzerin eines eigenen Pferdes war, mit alleiniger Verantwortung des jungen Tieres mit allem Drum und Dran. Dazu gehörte auch, dass ihr Wallach Florian mindestens einmal am Tag aus seiner Box kam, um sich ausgiebig zu bewegen. Er wurde entweder geritten, und wenn nicht, dann auf die Weide oder auf ein Paddock gestellt.

 

Meistens allerdings ritt Polly ganz konzentriert und konsequent. Ihr Ehrgeiz trieb sie täglich an, Lektionen von Dressuraufgaben zu üben. Sie wollte besser werden. Immer besser! Kleinere Rückschläge zogen sie sofort herunter. Ihre Stimmung war dann unerträglich. Meist konnte sie deshalb den folgenden Tag kaum erwarten, um erneut die betreffenden Lektionen zu reiten. Manchmal dauerte das Einüben ein paar Wochen.

 

Nicht selten war sie nahe daran, aufzugeben. Hinschmeißen! Der Gedanke schlich sich ein. Aber es dauerte nie lange, bis sie sich wieder zusammenriss und das Problem zu lösen versuchte. Eine große Hilfe und Vorbild war dabei die Tochter des alten Reitlehrers: Aggi. Von ihr wusste Polly, dass es allen Sportlern so erging. Nie war ein Training vollkommen. Immer gab es etwas zu verbessern. Im Zusammenspiel mit Pferden, mit Tieren, war alles aber doppelt so schwierig. Die Tiere hatten eben auch ihre Stimmungen: Wie Menschen gute oder schlechte Tage. Und schlimmstenfalls waren sie sogar mal krank.

 

Die Verantwortung liegt immer beim Reiter, das alles zu erkennen und zu berücksichtigen. Er ist dafür verantwortlich, dass zum Beispiel von einem erkrankten Pferd keine Höchstleistungen gefordert werden. Der Reiter muss wahrnehmen, wenn er selbst in bester Stimmung und  Elan das Training beginnt, dass sein Partner Pferd nun mal allerdings an diesem Tag vielleicht nicht so gut drauf ist. Dann bringt anstrengendes und sinnvolles Training nämlich nichts. Dazu gehört eine geradezu unmenschliche Selbstdisziplin. Für eine so junge Reiterin wie Polly war das schon viel verlangt. Aber sie wollte es so.

 

Natürlich kam es vor, dass sie sich keineswegs auf ihren Florian einstellte, sondern stur eine Lektion übte, die sie sich während einer langweiligen Schulstunde am Vormittag in den Kopf gesetzt hatte. Ohne auf das Tier Rücksicht zu nehmen, begann sie genau das zu tun, was sie sich überlegt hatte. Es ging meist voll in die Hose. Es endete in einen wahren Kampf zwischen Tier und Mensch. Reitlehrer Joachim mischte sich dann gerne ein und befahl Polly, die Stunde vorzeitig zu beenden. Gedemütigt blieb ihr nichts anderes übrig als aufzuhören. Wütend, hauptsächlich über sich selber, stieg sie ab und versorgte das Pferd.

 

Wütend war sie auch auf Joachim, der sich ungefragt eingemischt hatte. Florian war ihr Pferd. Niemand hatte da was zu sagen. Aber voller Zerknirschung wagte sie es nicht, sich gegen den erwachsenen Reitlehrer zu stellen. Sie wusste, früher oder später würden ihre Eltern von der Unbeherrschtheit ihrerseits erfahren. Es blieb ihr nur, sich am folgenden Tag disziplinierter zu verhalten. Schließlich arbeitete sie mit einem Tier. Das war ja nicht mit Absicht stur. Ein Tier verhält sich ja nicht bewusst so. Das weiß sie.

 

Polly hatte auch bei anderen Reitern ähnliche Situationen beobachtet und mit den Tieren mitgefühlt. Aber im Rausch der eigenen Handlung verlor sie den Überblick. Im Nachhinein wurde ihr das voll bewusst. Nur – Joachim hätte sie ja wohl dezenter zurechtweisen können. So, dass es die anderen nicht mitbekamen.

 

Später, nachdem sie alle Sachen aufgeräumt und Florian gut versorgt hatte, überkam sie irgendwie Erleichterung, dass sie der unerfreulichen Situation im Training für heute entkommen war. Sie beschloss, morgen die Trainingsstunde erst einmal mit zehn Minuten Schritt-Reiten zu beginnen. Das würde helfen. Ihre Erfahrung war schon so gewachsen, dass sie eine Idee davon hatte, wie man vernünftig an schwierige Lektionen ranging.

 

Noch tief in den Gedanken über die nächste Reitstunde auf ihrem noch sehr jungen Wallach, glaubte sie den Schatten eines Geistes draußen an der Sattelkammer vorbeigehen gesehen zu haben. Es konnte nicht sein! Der Stallbesitzer höchst persönlich?

 

Der war doch schon im letzten Jahr von der Bildfläche verschwunden. Damals hatte es so viele Gerüchte im Stall gegeben. Die Erwachsenen flüsterten damals von schweren Verbrechen und Mafia nahen Methoden, denen Herr Lichtenhügel zum Opfer gefallen sei. Es kursierten die wildesten Mutmaßungen, die bis zu Polly und ihren Freunden durchdrangen. Das Pikante daran war damals der Umstand, dass die beiden jüngsten Kinder des Reitgelände-Besitzers, Harald und Maria, zu Pollys engsten Freunden gehörten.

 

Keiner aus Pollys Clique wagte es nur einmal andeutungsweise zu fragen, um von Harald und Maria die kleinste Information über deren Vater zu erhalten. Nur ausgeprägtes Taktgefühl ließ die Kinder und Jugendlichen ihre schreckliche Neugierde zähmen. Als der unverschämte Anton, der nicht einmal reiten konnte, anhub, eine provokante Frage an die Freunde zu stellen, stoppten ihn Hansi und Pollys Bruder Andy durch einen Tritt in die Kniekehle und einen heftigen Boxhieb in die Nierengegend. Anton blieb die Luft weg und er sackte in sich zusammen. Harald und Maria blieben verschont.

 

Nun erschien doch tatsächlich Herr Lichtenhügel in seiner Reitanlage, als wäre er nicht plötzlich vor circa 361 Tagen verschwunden. Polly hörte ihn mit dem alten Reitlehrer van Hopps und dem jungen Reitlehrer Joachim schwatzen und lachen. Deren Geplauder, früher im Reitstall ein tägliches und vertrautes Geräusch, erregte nun unter den Anwesenden größte Aufmerksamkeit. Polly sah das Trio nur von hinten. Ihr fiel auf, dass, nicht so wie früher, es nun schien, als zeigten die angestellten Reitlehrer dem Eigentümer sein eigenes Anwesen.

 

Jeder erwartete, dass nun herauskäme, wo Herr Lichtenhügel die ganze Zeit gewesen wäre. Einige hatten schon damals davon gesprochen, dass er gar nicht mehr leben würde, dass er womöglich in irgendeinem Brücken-Pfeiler auf Sizilien einbetoniert worden sei. In diesem Zusammenhang fielen italienische Namen und der Begriff Cosa Nostra. Andere sprachen hinter vorgehaltener Hand von Russen-Mafia. Immer wieder wurde das gestohlene Rennpferd Shergar in einen Zusammenhang gebracht.

 

Nicht nur Polly folgte den drei Herren in gebührendem Abstand. Es bildete sich ein ganze Traube, die auffällig unauffällig den Herren an den Fersen klebte.

 

Plötzlich blieben sie stehen. Herr Lichtenhügel drehte sich herum. Sein Blick richtete sich auf die neugierige Schar. Polly konnte sein Gesicht nicht richtig erkennen in dem Augenblick. Die Funzel, die als Lichtquelle in dieser Stallgasse hing, reichte nicht aus. Wen schaute der Eigentümer an? Man konnte es nicht erkennen.

 

Herr Lichtenhügel machte einen Schritt auf die Neugierigen zu. Wie ferngesteuert fingerte er in seiner Jackentasche und fischte dort eine Zigarette heraus (Polly hatte ihn früher nie rauchen sehen!). Mit der anderen Hand hielt er ein glitzerndes Feuerzeug. Mit einer gekonnten Bewegung schnippte er das Feuerzeug an und führte die Flamme  zur Zigarette. In diesem Moment war sein Gesicht voll im Licht. Ein Schrei entfuhr den Beobachtern. Alle sahen es: Herr Lichtenhügel hatte nur noch ein Auge. Wo das andere früher war, sah man ein Loch, es sah alles aus wie rohes Fleisch. Der Augapfel fehlte ganz. Herr Lichtenhügel war nur noch einäugig.

 

Polly schauderte. Die anderen auch. Laut und grölend lachte Herr Lichtenhügel auf. Später gab er an, vor langer Zeit in einen Ast gelaufen zu sein. Keiner aus dem Reitstall Hubertus glaubte ihm ein Wort. Sie ahnten, die Wahrheit lag ganz woanders.

 

(Forsetzung folgt)