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Der Traum eines jungen Mädchens...(199) PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Uta Ludwig   
Donnerstag, 12. Juni 2014 um 13:49

Polly benimmt sich daneben...

Polly trainierte diszipliniert wie nie zuvor. Dabei wurde sie oftmals vom Reitlehrer Joachim gebremst. Im Eifer ihrer Anstrengungen vergaß sie gerne,  dass ihr vierjähriger Wallach Florian doch noch ein sehr junges Pferd war und auch noch lernte. Solange sie noch Kräfte hatte, verlangte sie von ihrem Pferd auch viel. Genau das sei ungerecht, sagte Joachim. Sie würde vergessen, dass es sich um ein Tier handele, das seinen Einsatz nicht selber bestimmen könnte. Es würde durch den Reiter, durch den Menschen auf seinem Rücken, zu etwas gezwungen, das es in dem Moment vielleicht nicht von alleine tun würde. Joachim wies Polly darauf hin, wie sie sich fühle, wenn der Lehrer in der Schule von ihr etwas verlangte, was sie gar nicht konnte.

 

Aber Polly wollte ihre Sache gut machen. Nie verließ sie ihr Ziel aus den Augen, eine wirklich gute Reiterin zu werden. Von ihrem Pferd forderte sie, dass es so reagierte, wie sie durch Hilfengebung zu verdeutlichen versuchte.  Genau das war es ja, was einen guten Reiter ausmachte: die Kommunikation des Reiters mit seinem Pferd durch richtige Hilfengebung, so dass das Tier genau das umsetzte, was der Reiter von ihm wollte.

 

Aber es war so schwierig! An machen Tagen, an den meisten Tagen, schien die Kommunikation gestört zu sein. Sehr oft hatte Polly das Gefühl, Florian ignoriere ihre Hilfen. Der Druck mit ihren Schenkeln schien er überhaupt nicht zu spüren. Wenn sie trotzig behauptete, Reiten hinge doch von körperlicher Kraft ab, lachte der Reitlehrer sie wieder aus. Natürlich lachte er sie nicht wirklich aus. Er versuchte, Pollys Frustration durch gespielte Häme zu durchbrechen. Ernst meinte er es aber dann, wenn er Polly die Technik hinter den Schenkel- Zügel- und Kreuzhilfen erklärte. Wie könnte sonst ein leichter Mensch von vielleicht fünfzig Kilo Körpergewicht ein Pferd von ungefähr vierhundertfünfzig Kilo dazu bewegen, freiwillig über ein Hindernis zu springen, wenn es auch um die Hürde herumlaufen könnte. Warum sollte ein Pferd in versammeltem Trab eine Volte von sechs Metern Durchmesser zeigen,  wenn es schwungvoll im starken Galopp durch die ganze Reitbahn „düsen“ könnte?

 

Joachim hatte immer Recht. Es war zum Verzweifeln. Polly beschwerte sich bei der Tochter des alten Reitlehrers van Hopps über Joachim. Aber auch Aggi lachte herzlich. Sie stimmte Joachim zu. Polly solle nicht den Mut verlieren, sondern konsequent versuchen, besser zu werden, meinte sie. Irgendwann stelle der Erfolg sich schon ein. Polly seufzte. Wie lang würde das wohl dauern?

 

An irgendeinem Tag bemerkte sie einen gewissen Rhythmus, in dem gute und weniger gute Perioden auftraten. Sie meinte zu erkennen, dass auf drei Wochen harter Arbeit mit Florian, in denen sie nie zufrieden am Ende des Trainings von ihm stieg, ein paar Tage folgten, an denen sie neue Hoffnung auf ein Weiterkommen schöpfte. Tage, an denen Florian willig auf ihre Hilfen reagierte. Sie erfuhr ein positives Gefühl des Vorwärtskommens in der Ausbildung. Nicht nur das, sondern sie stellte bei sich selbst eine größere Sicherheit fest, dass sie als Reiterin einen guten Schritt weiter gekommen sei. Warum gelang ihr das nur so selten, fragte sie sich. Warum folgte immer wieder auf annähernd drei Wochen fast unmenschlicher Anstrengung, dass danach wieder nichts zu gelingen schien? Sie verstand das nicht.

 

Immer wieder drifteten ihre Gedanken ab. Anstatt sich auf die Vorträge eines Lehrers am Vormittag in der Schule zu konzentrieren, briet sie über ihr Training am Nachmittag nach. Empfanden die anderen Reiter ebenfalls solche „Perioden“ in ihrem Training? War das normal? Wen konnte sie da nur fragen? Sie wollte sich ja nicht bei den anderen blamieren. Daher beschloss sie, erst einmal abzuwarten, ob sie mit dem anhaltenden Rhythmus Recht behielt. Sie konnte sowieso nichts ändern. Und wenn  ja - dann wäre sie wohl schon eine gute Reiterin und ihr Pferd würde konstant auf gutem Niveau seine Lektionen absolvieren.

 

Sobald das Tages-Training beendet war, fokussierten sich ihre Gedanken auf ihre Freunde. Die Jugend-Clique im Reitstall war nach ihrem Pferd das Wichtigste. Unter ihren Kumpels war Schule fast gar kein Thema. Das rührte auch daher, dass sie alle unterschiedliche Schulen besuchten, in verschiedenen Jahrgängen steckten oder einige sich sogar schon in einer Berufs-Ausbildung befanden. Aber die Gesprächsthemen waren so vielfach, dass sie unerschöpflich schienen. Stunde um Stunde saßen alle zusammen, meistens auf den Gepäckständern ihrer Fahrräder, und quatschten laut durcheinander. Nicht selten erwuchsen aus der fröhlichen Stimmung, die weit davon entfernt war, wirklich als cool bezeichnet zu werden, so freche Spötteleien sogar gegen Erwachsene, dass der Reitlehrer oder die Stall-Sekretärin heraus gerannt kam, um die Jugendlichen in ihre Schranken zu verweisen.

 

Solcher Übermut entstand am vergangenen Samstagnachmittag. Alle waren mit ihren Pferden schon fertig. Sternförmig stand die Clique draußen vor dem Stall, als auch die Erwachsenen sich ein sonniges Plätzchen außerhalb der Tränke suchten, um dort ein kühles, frisch gezapftes Bier zu trinken. Die Jugendlichen vor dem Stall konnten die Ausgelassenheit der Erwachsenen hören. Dadurch ermuntert wurden ihre eigenen Sprüche nur immer frecher, dreister und trafen jeden, der jetzt erst auf dem Parkplatz ankam.

 

Dass ihr Florian an diesem Samstag zum ersten Mal einen absolut fehlerfreien einfachen Galoppwechsel hinbekam, ließ Pollys Übermut ins unermessliche steigern. Nichts konnte sie mehr bremsen. Sie befand sich in einer Art Vollrausch der Ausgelassenheit. Das Übel nahm seinen lauf.

 

Die Albernheit der Jungs übertrumpfte alles bisher dagewesene. Es wurden Ausdrücke gebraucht, die bei ihren Eltern wohl kaum in aller Öffentlichkeit über deren Lippen gekommen wären. Als der jüngsten unter ihnen, der gerade erst sechsjährige Thomas, laut krähte, mit dem  Finger auf ein Spätzchen zeigend: „Die Vögel vögeln“, prusteten alle in wildem Gelächter los. Just in diesem Moment trat die blauhaarige Sekretärin aus dem Stall und rief erbost: „Könnt ihr nicht einmal ruhiger sein?“ Alle schrien vor Lachen. „Ihr braucht gar nicht so zu lachen“, schimpfte sie. Polly ritt der Teufel. Sie rief zurück: „Glauben Sie, sie sind ne Witzfigur für uns?“.

 

Stille. Wie zu Salzsäulen erstarrt verharrten alle bewegungslos. Gespannt, was nun passieren würde. So eine freche Antwort, hätte niemand und schon gar nicht von Polly erwartet. Die Sekretärin holte hörbar Luft. Kein Laut kam aus ihrem Mund. Japsend kehrte sie um und verschwand im Stall.

 

Polly war selbst über ihre Worte erschrocken. Das war kein Mut. Es war Leichtsinn und überaus unhöflich gewesen. Die „Alte“ durfte man so nicht behandeln. Sie hatte es getan. Polly hatte einen Rahmen gesprengt. Da flüsterte Cordula so, dass es dennoch alle hören konnten:“ Die rennt bstimmt zum Stallbesitzer.“ Auch alle Jugendlichen kannten das Gerücht, dass die Sekretärin nicht nur im angestellten Verhältnis zu Herrn Lichtenhügel stehen würde.

 

Tatsächlich dauerte es keine viertel Stunde, da erschien der große Wagen auf der Zufahrt zum Stall. Herr Lichtenhügel wuchtete sich aus dem Auto und steuerte direkt auf die Gruppe zu. Polly konnte ihn kaum anschauen. Das lag nicht nur daran, dass er nur noch ein Auge hatte. Aber genau dieses verbliebenen Auge auf Polly gerichtet schrie er: „Du hast Stallverbot.“

 

 

Das herz klopfte ihr bis in den Hals. Ein dicker Kloß in der Luftröhre ließ sie fast ersticken. Unbewusst schwang sie das rechte Bein über den Sattel ihres Rades, wobei sie die Pedale verpasste. Beinahe wäre sie umgefallen. Angst schnürte ihr die Kehle ab. Später wusste sie nicht mehr, wie sie nach Hause geradelt war. Das Empfangskomitee erwartete sie schon.

 

Es rotierte in ihrem Gehirn. Wie konnte das nur passieren? Immer wieder fragte sie sich, wie die frechen Worte aus ihrem Munde kommen konnten. Fast hatte sie das Gefühl, es waren gar nicht ihre Worte gewesen, die sie da vernommen hatte. Sie hatte ja gar nichts unverschämtes gesagt. Sie hatte ja nur eine Frage, wenn auch eine ziemlich blöde, gestellt. Was wollen die eigentlich alle? Sie versuchte sich zu rechtfertigen.

 

Aber Pollys Vater ließ sie gar nicht erst zu Worte kommen. Er brüllte seinerseits los und verlangte eine Entschuldigung von ihr. Nicht bei ihm – bei der Sekretärin. Polly solle sofort ins Auto steigen, sie führen in den Reitstall.

 

Polly Scham wuchs mit jedem Kilometer, den sie dem Stall näherkamen. Man verlangte von ihr, wegen einer unbedachten Bemerkung, sich in Anwesenheit von allen Reitkollegen, deren Eltern und den übrigen Gästen bei der blauhaarigen Alten zu entschuldigen. Eine schlimmere demütigendere Situation hatte es noch nie gegeben. Am Parkplatz angekommen, sah sie sich nicht in der Lage, das Auto zu verlassen. Sie sah alle ihre Freund noch immer vor dem Stall versammelt.

 

Ihr Vater riss die Türe auf und zog sie heraus. Dass er ihr keinen Tritt in den Hintern gab, war alles. Er zog sie hinter sich her bis zum Büro, eigentlich ein Bretterverschlag, in dem die Blauhaarige Geld kassierte. Herr Lichtenhügel erschien. Er sprach mit Pollys Vater, dessen Körperhaltung ungewohnte Unterwürfigkeit verriet. Polly schämte sich so sehr. Hätte sie doch bloß den Mund gehalten. Alles war so lustig. Bis dahin. Sie hatte sich den schönen Nachmittag versaut. Nicht den anderen – sich selbst.

 

Als Polly das sogenannte Büro betrat, der Dame ihre vom Reiten immer noch schmutzige Hand darbot, und ein „Es tut mir leid“ murmelte, sah sie dennoch, dass der alte Dame  die Schminke verlaufen war. Sie hatte geheult, stellte Polly fest.

 

Nur sie allein wusste, dass diese Entschuldigung allein dazu diente, der Frau die Tränen zu trocknen und ihr einen Triumph zu gönnen. Aus freien Stücken und Einsicht entschuldigte Polly sich auf keinen Fall. Aber das sah man ihr Gott sei Dank nicht an.

 

Dann war alles vorbei. In Gnade wieder in die Stallgemeinschaft aufgenommen und erleichtert verließ sie den Stall, um im Kreis ihrer Freunde unterzutauchen. Von den Erwachsenen unbemerkt erntete sie Schulterklopfen ihrer Kameraden. Deutlich leiser, als vor dem Vorfall, amüsierten sich die Jugendlichen über Pollys coole Aktion. Sie erntete sogar so etwas wie Anerkennung. Aber – sie empfand keine Freude. Ihr war schon bewusst geworden, dass sie eine Grenze gesprengt hatte. Durch unbedachte Worte hatte sie eine arme alte Dame, die für ein paar „Groschen“ Reitstunden abrechnete, sehr verletzt. Das war nicht nur ein bisschen unhöflich, es war vor allem völlig überflüssig gewesen, es hätte Pollys Rausflug aus dem Stall bedeuten können.

 

Ihre Freunde zeigten Verständnis für sie, doch sie wusste, sie hatte sich falsch verhalten. So ein Fehler würde ihr nicht mehr unterlaufen.

 

(Fortsetzung folgt…)