Sie befinden sich hier: Home Magazin "Kirsche" - oder niemand geht so ganz...

Wer ist Online

Wir haben 678 Gäste online

Statistik

    Inhaltsaufrufe seit dem
    16.09.2009
: 8994826

Suche

Anzeige

Banner

Anzeige



Anzeigenschaltung

Google Translate

German Chinese (Simplified) Chinese (Traditional) Czech Danish Dutch English French Galician Greek Hungarian Italian Japanese Norwegian Polish Portuguese Romanian Russian Spanish Swedish Turkish Ukrainian

Anzeige

Anzeige: Collagen von Olaf Rutschek

  Olaf Rutschek - mehr als
  ein Fotograf

Newsletter

Anmeldung



Anzeige

Anzeige

Anzeige

Anzeige

Anzeige

Anzeige

Anzeige

Anzeige

Banner

Anzeige

"Kirsche" - oder niemand geht so ganz... PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Dieter Ludwig   
Mittwoch, 28. Dezember 2016 um 18:20

Erinnerungsfoto von einem Dortmunder Turnier in den Westfalenhallen vor vielen Jahren mit (von lks) Dieter Ludwig, Günter Born (+), Dressurrichter Oberst Erich Heinrich (+), Gerd Lemke und "Kirsche" Kirschstein (+)

Foto: Raimund Hesse

Olfen. Im Alter von 67 Jahren starb am 24. Dezember Reitsport-Journalist Werner Richard Kirschstein. Zuletzt wohnte der lebenslustige Frührentner in einem Heim, dann stürzte er mehrmals, kam ins Krankenhaus und starb, wohl an Nieren- und Herzversagen.

 

Seine Stimme klang anders. Weit weg, gleichgültig, ohne Gefühl. Er könne nirgendwo mehr hinkommen, habe nun einen Rollator, kein normales Telefon mehr, nur noch Handy, sagte er. Früher, voller Tatendrang, beschrieb er seinen Aufenthaltsort dahingehd, er sei gerade auf dem Weg zu Tresen 1, zu Tresen 2 oder Tresen 3. Wo er wohnte, hatten die Kneipen keinen ursprünglichen Namen mehr. Er gab ihnen Nummern, wie er sie gerade anlief, morgens zum Frühstück, wann sie öffneten oder wo er am Abend noch saß. Er ging an jenem Morgen beim letzten Gespräch nirgendwo mehr hin. Er sagte auch nicht, was er gerade machte, ob er las, ob er wieder mal einen Fehler in seiner geliebten „Bild“ entdeckte. Er hatte mit sich und der Welt abgeschlossen.

 

„Kirsche“, so hatte er sich der Kollegenschar auf Reitturnieren und vor allem beim weiblichen Geschlecht („Ich bin die Kirsche vonne Bild – und mach sie alle wild“) vorgestellt, ein absoluter Bild-Journalist, war irgendwann da. Keiner weiß genau wann und wo. Wenn er da war, hörte man das. Kirsche bediente nie eine Schreibmaschine, schon gar kein Laptop in der Nachfolgezeit. Kirsche brauchte kein Telefax oder sonst etwas zum Übermitteln, Kirsche diktierte direkt in die Maschine einer Sekretärin am anderen Ende der Telefonleitung, wo sie gerade saß, ob in der Hauptredaktion Hamburg oder einer Regionalausgabe. Mit Punkt und Komma, auf die festgelegte Zeile. Und bei Bild sind zehn Zeilen eine Story, aber viele schaffen das nicht. Zehn Zeilen, eine Geschichte, wohlgemerkt. Das können heute eher wenige. In zehn Bildzeilen eine Aussage zu tätigen.

 

Er aber brauchte auch den Mittelpunkt, für sich. Zum Beispiel in Aachen beim deutschen CHIO in der Soers. Kirsche stellte sich immer so geschickt hin, dass er von einer TV-Kamera erfasst werden mußte, ob beim Einritt oder Ausritt eines Reiters. Grund: In Tresen 1 oder 2 sagte dann einer in den nächsten Tagen,  man habe ihn im Fernsehen gesehen. Er brauchte das. Werner Kirschstein war keine Ulknudel. Durch Kinderlähmung ging er hinkend und etwas ungerade, wie es im Reitsport heißt, aber er redete nicht darüber, es belastete ihn. Er war fröhlich und doch auch einsam. Wen er mochte, den überschüttete er mit Geschenken. Und auf Auslandsturniere nahm er nicht nur seine augenblickliche Freundin mit, gleich den ganzen Anhang wie nach Gijon in Spanien 1995 zur Springreiter-Europameisterschaft. Zu bezahlen hatte er. Und einige nutzten auch schamlos seine Beziehungen zu Reitsportausrüstern aus: Sie schleppten in Bündeln Reithosen und Jackets weg - er löhnte.

 

Wer mit ihm zusammen war, hat viele Erinnerungen an ihn. Er konnte ganze Zelte auf Volksfesten unterhalten. Und wenn ihn keiner aufhielt, griff er zum Mikrofon und sang. Er hatte auch etliche Ehen hinter sich, und dazu sonstige Liaisons. Und aus dem weiblichen deutschen Dressur-Kader früherer Zeit gibt es wohl keine, mit der er sich nicht irgendwo und irgendwann verlobte, pro Forma und so aus Jux. Niemand war ihm übel. Das gehörte zu Kirsche. Er brauchte das auch.

 

Kirsche ging in die Kirche, bekannte sich zum katholischen Glauben, war CDU`ler mit Parteibuch, liebte den BV Dortmund mehr als Schalke 04, war  vor allem einer aus dem Ruhr-Pott. Er sprach die Sprache der Kumpels und verstand sie. Er kannte alle Buden, er trank Jägermeister und Schlehenfeuer – neben Bier. Bei Bild in der damaligen Redaktion Essen-Kettwig verehrte er seinen Chef Benno Weber, und in der Hauptredaktion in Hamburg setzte er auf Bodo E. Müller, die beide oft einiges gerade bügelten. Und er war mal Schützenkönig in Schermbeck, die Uniform, Schützenfest, Umzug, das liebte er. Das war jedes Jahr das wichtigste Datum neben dem Job. Zuletzt saß er am Mikro des Fußballvereins SuS Olfen.

 

Und er hatte ein geradezu phänomenales Gedächtnis oder Speichervermögen für Namen, Zahlen. Telefonnummern waren in seinem Gehirn versenkt wie in Beton, aber auch Aufstellungen von Fußballmannschaften, Ergebnissen, Torschützen.

 

Er konnte auch anders sein. Um auf Seite 1 seiner geliebten „Bild“ zu kommen, hätte er möglicherweise seine Großmutter verkauft. Seite 1 bei Bild, das war für ihn die Bestsellerliste. Für dieses momentane Ziel nahm er keine Rücksicht auf Trainer, Sportler, deren Ehefrauen, auch nicht auf seinen damals angeblich besten Freund Thomas S. Aber er gab auch gar schon mal einem wie z..B. dem Reiter-Präsidenten Dieter Graf Landsberg-Velen Kontra. Der hatte nämlich im Oktober 2000 bei der Verabschiedung von Bundestrainer Herbert Meyer in Bremen die schreibende Zunft dahingehend gerügt, sie würde zu wenig den Reitsport in den Vordergrund heben, lobte dafür das Fernsehen. Da ging Kirsche schnurstracks und mit durchgedrücktem Kreuz auf die Bühne, griff zum Mikrofon und sagte, so könne das nicht stehen bleiben, die schreibende Presse würde doch weitaus mehr den Reitsport zur Geltung bringen als jeder Fernsehsender, und ohne die Schreiber würde das Fernsehen ja kaum wissen, dass es einen Sport im Sattel gäbe…

 

Nun also hat sie sich verabschiedet, "unsere Kirsche", geradezu leise, unauffällig gegen seine Art. Er ging einfach „von Hoff“, wie er oft sagte, wenn er sich „vom Acker“ machte bei einem Turnier. Er lebte zuletzt in einem Heim, ging nicht zum Arzt, obwohl er dringend gemusst hätte. Im Krankenhaus als Notfall wurde seinem Körper 34 l Wasser entzogen, die Nieren arbeiteten nicht mehr richtig, nicht das Herz und nicht die Leber. Sein Sohn Michael, den er so gerne als großen Springreiter gesehen hätte, sagt: „Er ist am Heiligen Abend friedlich eingeschlafen…“