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Nach der Rollkur nun Diskussion um zu enge Nasenriemen... PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Leopold Pingitzer in ProPferd.At/ DL   
Donnerstag, 29. Dezember 2016 um 16:43

 

Wien. Kommt nach den Diskussionen über die Rollkur im Dressursport vornehmlich nun eine weitere Debatte über zu eng verschnallte Nasenriemen? Der Weltverband (FEI) scheint daran nicht unbeteiligt.

 

 

Zu eng verschnallte Nasenriemen sind für das Pferd eine Qual – sie verursachen Stress und Schmerzen und unterbinden die für das Entspannen und Lockern der Muskeln so wichtige Kautätigkeit. Während 2016 die Aufregungen rund um die Rollkur allmählich abebbten, trat ein anderes Thema in den Vordergrund, das kritische Pferde(sport)freunde in Aufregung versetzte: der Nasenriemen. Die FEI ist daran nicht unschuldig.

 

Über die Wirkung von Gebissen und Zäumungen wird nicht nur in Reiterkreisen heftig gestritten und diskutiert, sondern seit vielen Jahren auch intensiv geforscht. Der wissenschaftliche Focus verschob sich dabei deutlich: Standen in früheren Studien die Wirkungsweise und -effektivität im Zentrum, so geht es zuletzt immer mehr um die Frage, ob bestimmte Ausrüstungen bzw. Teile davon für das Pferd auch gut verträglich sind und sein Wohlbefinden nicht einschränken. Besonders ein Ausrüstungs-Teil ist in den letzten Jahren mit wachsender Intensität untersucht und kritisch analysiert worden – der Nasenriemen. 2013 hatte eine Gruppe irischer Wissenschaftler unter der Leitung von Orla Doherty ein Forschungsprojekt begonnen, bei dem der vom Nasenriemen ausgehende Druck auf die Pferdehaut mittels spezieller Sensoren gemessen wurde. Dabei zeigten sich deutliche Druckhöhepunkte bei bestimmten Reitlektionen, etwa bei Wendungen, Übergängen oder beim Rückwärtsrichten –und diese Druckbelastung könnte, ähnlich wie beim Menschen, zu ernsten Gewebe- und Nervenschäden beim Pferd führen.

 

Ganz besonders interessierte die Forscher auch die Frage, wie eng Nasenriemen in der Praxis angelegt werden. Nach der aus der klassischen Reitlehre stammenden Empfehlung für das Einstellen der Nasenriemen soll der Abstand zwischen dem Nasenriemen und dem Nasenbein locker zwei Finger sein, sodass normale Kieferbewegungen ausgeführt werden können und das Pferd kauen kann. Diese Empfehlung wird, so die Studien-Autorinnen, in der Praxis kaum gefolgt – der weitaus überwiegende Teil der untersuchten Nasenriemen war viel zu eng verschnallt: „Von 201 jungen Vielseitigkeits- und Hunterpferden, die untersucht wurden, hatten nur zwölf Prozent die Nasenriemen locker genug angelegt, um zwei Finger darunter zu führen. 47 Prozent hatten die Nasenriemen so eng, dass gar keine Finger darunter passten.“

 

Den eindeutigen Nachweis, dass zu eng verschnallte Nasenriemen tatsächlich negative Auswirkungen auf das Wohlbefinden von Pferden haben und damit zutiefst ,tierschutz-relevant' sind, brachte 2016 die Studie einer australischen Forschergruppe um Prof. Paul Mc Greevy, einem führenden Spezialisten in Sachen Pferdeverhalten. In einer aufwendigen Versuchs-Anordnung konnte gezeigt werden, dass infolge zu eng verschnallter Nasenriemen bei Pferden ein signifkanter Anstieg der Herzschlagrate, eine Verringerung der Herzschlagvariabilität sowie eine erhöhte Augentemperatur festzustellen waren – allesamt deutliche Hinweise für eine physiologische Stressreaktion. Auch natürliche orale Verhaltensweisen wie Gähnen, Kauen oder Lecken waren deutlich weniger oder gar nicht mehr zu beobachten.

 

Das Resümee der Untersuchung war alarmierend – und hätte eigentlich ein Weckruf für die FEI sein müssen: „Die vorliegenden Daten zeigen, dass eng verschnallte Nasenriemen ohne jeglichen Abstand zum Nasenrücken des Pferdes Stressreaktionen hervorrufen und das Pferd daran hindern, normale Verhaltensweisen zu zeigen. Stewards auf einem Turnier sollten verpflichtend überprüfen, ob die Zäumung jedes Pferdes mit den Regeln übereinstimmt, die ein zu enges Verschnallen des Nasenriemens verbieten. Die Regeln des Dressursports, nach denen die Pferde ,Gehorsam' zeigen sollten, indem sie willig das Gebiss akzeptieren, lassen sich nicht aufrechterhalten, wenn die verwendete Ausrüstung ein normales orales Verhalten unterbindet und das Pferd genau das Gegenteil zeigt, nämlich Unbehagen und einen Mangel an Gehorsam. (...) Wie man es auch betrachtet – die Anwendung von großem Druck, um natürliche orale Verhaltensweisen zu unterbinden und dadurch einen Wettbewerbsvorteil zu haben, ist ethisch nur schwer zu rechtfertigen." So lautete das Resümee der Studie, die am 3. Mai 2016 im Journal PLOSOne erschienen ist und die international großes Aufsehen erregte.

 

Die Forderung von Prof. Paul McGreevy war eindeutig: Die Regeln des Dressursports müssten dahingehend verändert werden, dass ein zu enges Verschnallen des Nasenriemens – also enger als die aus der klassischen Reitlehre stammende Zwei-Finger-Regel – zuverlässig verhindert wird. McGreevy schlug für eine objektive und faire Überprüfung des Abstands zwischen Nasenriemen und Nasenrücken die Verwendung einer normierten Mess-Schablone (taper gauge) vor, die seit dem Jahr 2012 existiert und seither auch von der Internationalen Gesellschaft für Pferdewissenschaften (ISES) empfohlen wird. Mit dieser Kunststoff-Schablone könne rasch und einfach überprüft werden, ob der Abstand zwischen Nasenriemen und Nasenrücken, gemessen an der Nasen-Mittellinie, exakt zwei Finger, einen Finger oder weniger beträgt.

 

Doch die FEI reagierte auf die Studie und den Vorschlag von Prof. McGreevy nicht in der von Pferdefreunden erhofften Art und Weise. In einer ersten Stellungnahme nahm man zwar die Untersuchung zur Kenntnis – sah jedoch keinen Handlungsbedarf und auch keine Notwendigkeit, die ISES-Prüfschablone bei der Zäumungskontrolle zu verwenden. Doch es kam noch schlimmer: In einem FEI-Newsletter vom 7. Juli 2016 wurde ein kurzer „Reminder to FEI Stewards – Nosebands" veröffentlicht, der bei Pferdefreunden für großes Erstaunen und noch größeres Entsetzen sorgte. Darin hieß es wörtlich: „FEI-Stewards aller Disziplinen werden daran erinnert, besonders darauf zu achten, dass Nasenreimen nicht zu eng verschnallt sind. Es muss möglich sein, zumindest einen Finger zwischen die Wange des Pferdes und den Nasenriemen zu schieben. Nasenriemen dürfen niemals so verschnallt werden, dass sie die Atmung des Pferdes beeinträchtigen."

 

Dieser „Reminder" wurde vom FEI-Verbindungsbüro auch allen nationalen Federationen übermittelt. In diversen Pferdesport- und Dressur-Portalen wurde er zwar erwähnt – doch zu einem lauten medialen Aufschrei kam es erstaunlicherweise nicht bzw. nur ansatzweise, was an der äußerst ,dezenten' Form der Veröffentlichung liegen mag, aber auch an der geschickten Formulierung, die scheinbar das Pferdewohl in den Vordergrund stellt („nicht zu eng verschnallt", „dürfen niemals (...) die Atmung des Pferdes beeinträchtigen").

Dabei birgt der „Reminder" zwei gravierende Mängel bzw. Defizite,  nämlich 1) die Vorgabe, den Sitz des Nasenriemens an der Pferdewange zu messen und 2) fehlt gänzlich der wesentliche Hinweis, dass durch den Nasenriemen auch die Kautätigkeit des Pferdes nicht beeinträchtigt werden darf. Dies sieht auch Thies Kaspareit, Leiter der Abteilung Ausbildung und Wissenschaft der Deutschen Reiterlichen Vereinigung: „Aus unserer Sicht ist es weniger relevant, ob es ein oder zwei Finger sind – die alten Versionen der Richtlinien sprechen beim englischen bzw. kombinierten Reithalfter auch von einem Finger zwischen Nasenriemen und Nasenrücken des Pferdes – aber seitlich an der „Backe“ kann man die Festigkeit nicht wirkungsvoll testen. Für uns fehlt vor allem – neben der Begründung bezüglich der Atmung – der Hinweis auf die Möglichkeit, kauen zu können." Mit anderen Worten: Die FEI ist einen Schritt nach vor gegangen – aber zwei zurück.

 

Tatsächlich haben Dr. Kathrin Kienapfel und Prof. Holger Preuschoft bereits im Jahr 2010 in ihrer wichtigen Untersuchung „Viel zu eng! Über die Verschnallung von Nasenriemen" den peniblen wissenschaftlichen Nachweis erbracht, daß eine Überprüfung der Nasenriemen-Verschnallung an der Pferdewange „ohne jeden Informationswert" sei: Sie konnten anhand der Anatomie eines Pferdeschädels zeigen, dass sich selbst bei engster Verschnallung des Nasenriemens mit völligem Verschluss des Pferdemauls noch immer drei Finger zwischen Riemen und Pferdewange schieben lassen. Grund dafür sei die spezifische Form des Pferdekopfes: „Der knöcherne Oberkiefer ist an den Kopfseiten eingebuchtet, so dass der Nasenriemen sich von Nasenrücken zu einem Unterkieferkörper spannt und der Wange nur lose aufliegt. Man kann auch noch mehr Finger unter den Sperrriemen schieben, weil sich die Weichteile der Wange leicht zusammenpressen lassen." Das eindeutige Resümee daher: „Der Versuch, den Sitz des Reithalfters an der Seite des Pferdekopfes zu messen, ist vollkommen sinnlos."

 

Auch die in den klassischen Reitlehren sowie in den FN-Richtlinien geforderte Möglichkeit des Kauens verlangt eine entsprechend weite Verschnallung, wie Dr. Kienapfel und Prof. Preuschoft betonen: „Wenn die „Richtlinien“ vorschreiben, dass das Pferd „bequem“ kauen kann (siehe auch HDv 12), ist ein Spielraum von 10 mm zwischen den Mahlzähnen erforderlich, und das heißt bei einem kleinen Vollblüterkopf eine Öffnung von mindestens 17 mm zwischen den Schneidezähnen, bei einem größeren Kopf noch mehr. Die 17 mm entsprechen einer sehr knappen Fingerbreite zwischen den Zähnen oder einer Zunahme des Öffnungswinkels von 2°. Podhajsky (1968) fordert, dass „das Pferd eine Belohnung aufnehmen können muss“. Als Belohnung galt in der Spanischen Reitschule Wien ein Stück Würfelzucker. Auch das verlangt ein Mindestmaß an Öffnung von nicht unter 15 mm."

 

Umso unverständlicher mutet es an, dass die FEI den elementaren Hinweis auf die Möglichkeit des Kauens in ihrer Steward-Anweisung völlig unter den Tisch fallen ließ. Da ist es auch nur ein schwacher Trost, wenn die FN in der Neufassung der Leistungs-Prüfungs-Ordnung 2018 eine nochmalige Klarstellung bezüglich der Verschnallung des Reithalfters vorgenommen hat: „Das Reithalfter soll leicht anliegen und darf weder die Atmung beeinträchtigen, noch die Maultätigkeit (Kauen) des Pferdes unterbinden“. Damit soll, so die FN, verdeutlicht werden, dass weder das festgezurrte noch das viel zu locker sitzende Reithalfter seinen Zweck erfüllt, für eine ruhige Lage des Gebisses im Pferdemaul zu sorgen. Dies ist zweifellos lobenswert – doch noch wichtiger wäre es, wenn die FN diese Klarstellung auch auf FEI-Ebene durchsetzen würde. Auch zu einer zweifellos wünschenswerten Einführung eines einheitlichen Mess-Systems (mittels ISES-Schablone) zur Kontrolle von Sperr- und Nasenriemen, wie dies eine Online-Petition aktuell fordert, konnte man sich seitens der FN nicht bzw. noch nicht durchringen. Das ist bedauernswert – denn es wäre ein bedeutsames Signal für die Installierung eines klaren, einfachen und objektiven Kontroll-Instruments gewesen, auch auf internationaler Ebene.

 

Wieso die Möglichkeit des Kauens so elementar für das Wohlbefinden des Pferdes ist, das hat vor kurzem die Fachtierärztin für Chiropraktik, Elisabeth Albescu, bei der Anja Beran-Fachtagung am 20. November 2016 im Zirkus Krone in einem bemerkenswerten Vortrag einprägsam dargestellt: Sie führte vor Augen, auf welch komplexe Weise Gebiss und Zaumzeug mit dem gesamten Bewegungsapparat und der Anatomie des Pferdekörpers verbunden sind: „Durch das Einlegen eines Gebisses ins Pferdemaul beeinflussen wir die Zunge, das Zungenbein, das Kiefergelenk, anheftende Muskeln und Teile des parasympathischen Nervensystems. Das Zungenbein ist ein zarter, h-förmiger Knochen, der mit der Zunge, dem Innenohr und dem Kehlkopf verbunden ist. Außerdem setzen an ihm viele Muskeln an, die entlang des Halses bis zum Brustbein und der Schulterfaszie ziehen. Wird die Zunge und somit auch das Zungenbein bewegt, zum Beispiel durch Spielen am Gebiss, werden diese Muskeln durchblutet und bewegt. Da diese Muskulatur eine große Rolle für die Bewegung des Halses und das Vorführen der Schultergliedmaße spielen, droht bei Verspannung dieser Partien eine deutliche Steifheit des Halses und eine verkürzte Vorführphase der Vorhand. Dem wird durch die Zungenbeinbewegung entgegengewirkt, der Muskel lockert sich."

 

Die Kautätigkeit ist somit ein wesentlicher Mechanismus, mit dessen Hilfe sich das Pferd lockern und entspannen sowie Stress abbauen kann, durchaus vergleichbar dem Gähnen oder Lachen beim Menschen. Dabei spielen das Kiefergelenk und seine vielen Nervenäste des Parasympathikus eine entscheidende Rolle: „Wird der Parasympathikus aktiviert, überwiegen die relaxierenden Einflüsse auf den Körper, was unter anderem zu einem Entspannen der Muskulatur führt. Nur ein entspannter Muskel kann im Wechsel kontrahieren und loslassen. Bewegt das Pferd also das Gebiss im Maul, dann werden durch die Zungenbeinbewegung Muskeln bewegt und durch die Aktivierung des Parasympathikus über das Kiefergelenk auch entspannt.  Um diese Effekt jedoch hervorzurufen, muss es dem Pferd erlaubt sein, zu kauen. Das bedeutet, das Pferd muss das Maul mindestens 1,5 cm öffnen können. Umso wichtiger ist es, die Trense richtig anzulegen. Zum einen darf kein Druck auf Knochenpunkt (Jochbein) oder Nervenaustrittstellen erfolgen. Zum anderen darf das Pferd nicht zugeschnürt werden. Der Nasenriemen und – falls vorhanden – der Kinnriemen müssen locker, nach der 2-Finger-Regel verschnallt sein. Es müssen mindestens zwei aufgestellte Finger am Nasenrücken zwischen Nasenbein und Nasenriemen passen. Nur so können wir den positiven Effekt des Gebisses richtig nutzen."

 

All das lässt ermessen, was die FEI Pferden mit ihrem unseligen „Reminder" antut: Sie legitimiert eine viel zu enge Verschnallung des Nasenriemens, die natürliche orale Verhaltensweisen des Pferdes unterbindet und in letzter Konsequenz dem Pferd Unbehagen, Stress und Schmerzen bereitet. Der FEI-Reminder ist somit weder wissenschaftlich, noch veterinärmedizinisch, noch ausbildungstechnisch begründbar oder vertretbar. Wenn sich die FEI selbst ernst nimmt und das Pferdewohl für sie „von höchster Bedeutung" ist, wie sie gerne betont, dann muss die fatale Steward-Anleitung entweder sehr rasch zurückgenommen oder gründlich umgeschrieben werden. Ansonsten droht – nach der Rollkur – ein weiteres Thema, nämlich die Verschnallung des Nasenriemens, zu einem Dauerkonflikt mit kritischen Pferdefreunden zu eskalieren.

 

Die FEI hat – ob aus Unachtsamkeit oder aus Kalkül – einen Fehler gemacht, den sie schnellstmöglich reparieren muss. Und sie sollte sich bei künftigen Maßnahmen besser überlegen, welche Wirkungen und Folgen sie mit sich bringen – und ob sie auch jene gesellschaftliche Akzeptanz erhalten, die der Pferdesport für sein langfristiges Überleben braucht.

ProPferd.At