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"Bewahren - um nicht zu vergessen..." PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Marianner Fankhauser-Gossweiler/ DL   
Mittwoch, 01. Februar 2017 um 21:14

 

Wiedersehen nach 48 Jahren - Marianne Fankhauser-Gossweiler und der ehemalige DDR-Dressurreiter Wolfgang Müller

(Foto: privat)

Hergiswil/ Löbnitz. Am 6. Oktober letzten Jahres wurde Reitmeister Wolfgang Müller 85 Jahre alt, ein großer Dressurreiter der ehemaligen DDR, der mehrere Medaillen bei Championaten gewann. Für die frühere große Schweizer Dressurreiterin Marianne Fankhauser-Gossweiler, damals auch bei internationalen Turnieren unterwegs, Anlass, ihm einen Geburtstagruß zukommen zu lassen. Daraus ergab sich mehr.

 



Lieber Dieter, 

Am 6. Oktober 2016 las ich in Deiner Online-Zeitung, dass Wolfgang Müller, einer der drei Dressur-Reiter aus der ehemaligen DDR an den Olympischen Spielen in Mexico 1968, also heute vor fast 50 Jahren, an eben diesem Tag, seinen 85. Geburtstag feiert.

Die DDR-Dressur-Equipe bestand ja damals aus Horst Köhler mit Neuschnee,  Wolfgang Müller mit Marios und Gerhard Brockmüller mit Tristan.  Die einzigen Namen, welche uns (hier im "Westen") geläufig waren in Bezug auf den Reitsport in der DDR.

Spontan habe ich Wolfgang Müller über das Gästebuch der Online Zeitung einen Geburtstagsgruss zukommen lassen. Herr Müller wurde daraufhin über meine Glückwünsche informiert. Ich wurde dann per E-Mail von einer Dame mit Namen Ute Jacobs angeschrieben, welche mir mitteilte, wie sehr sich Herr Müller über meine guten Wünsche gefreut habe. Ute Jacobs ist seit Jahren mit Wolfgang Müller befreundet, sie ist im Pferdesport aktiv und hatte bei ihm Unterricht. Frau Jacobs hat mich kurzerhand nach Berlin eingeladen und hat ein Treffen mit Wolfgang Müller organisiert. Sie ist mit mir nach Löbnitz gefahren, wo Herr Müller wohnt, und so haben wir uns nach 49 Jahren wieder getroffen.

Nachdem wir damals in Mexico, rund 20 Jahre vor der Wende, außer "Hallo" oder "guten Morgen" kein Wort mit den DDR-Reitern sprechen durften (d.h. sie nicht mit uns), war das jetzt natürlich ganz anders. Die Freude über das Wiedersehen war auf beiden Seiten groß, und es war, als hätten wir in all`  den Jahren ständigen Kontakt gehabt.

Dieses Treffen war in mancherlei Hinsicht für mich eindrücklich. Weitgehend ist unbekannt, wie das damals in der DDR, jenseits der Mauer, in Sachen Reitsport ablief. Von hin- und her berichten oder sich austauschen, war nicht die Rede, Kontakt mit Sportlern aus dem Westen war denjenigen aus dem Osten Deutschlands in keinem Fall erlaubt. Nahmen sie an wenigen, ausgesuchten internationalen Sport-Veranstaltungen  teil, wurden sie stets streng beobachtet und kontrolliert. Nur ab und zu gelang es in einzelnen Fällen, dieses strenge Verbot zu umgehen. Es brauchte aber Vorsicht, Einfallsreichtum und List, damit man nicht "erwischt" wurde.

Jedoch jetzt, so viele Jahre später, habe ich anlässlich meines Besuches in Berlin ganz viel erfahren über die Reiterei in der DDR wovon damals, diesseits der Mauer, nichts bekannt war und auch heute noch nicht bekannt ist. 
Im  Osten Deutschlands gab es guten Pferdesport. Jedoch wurde dieser Sport nicht als Olympische Disziplin von der DDR unterstützt, und so war es natürlich auch nicht erlaubt, im Westen an Turnieren teilzunehmen. Dies sollte geändert werden. Man hatte sich vorgenommen, auch in den verschiedenen Pferdesport-Disziplinen zu Olympischen Ehren zu kommen.

Eine entsprechende Idee war schnell da, diese sollte baldmöglichst umgesetzt werden, und zügig kam dann der Beschluss "von ganz Oben":

Beim Armeesportklub Vorwärts Potsdam (ASK) sollte eine "Sportmannschaft Reiten" ins Leben gerufen werden. Als Mannschaftsleiter wurde Oberst Koppenhagen bestimmt, welcher in der Vorkriegszeit an der berühmten Kavallerieschule Hannover im Einsatz war. Unverzüglich wurde mit der Umsetzung begonnen. So wurde in der Vorweihnachtszeit des Jahres 1956 in der Armeezeitung mit einem Inserat nach Interessenten gesucht und auch gefunden. Mit den ersten acht "Interessenten", welche sich auf die Anzeige hin gemeldet hatten, begann dann alles. Schon kurze Zeit später, am 1. Januar 1957, wurde innerhalb des ASK Potsdam die Sportmannschaft Reiten gegründet.

Es war außerdem  "die Idee des Oberst Koppenhagen, der ja eigentlich aus dem Fahrstall der Kavallerieschule kam, auch in Potsdam einen Fahrstall aufzubauen. Es wurde einer der größten und erfolgreichsten Fahrer, Eugen Lüer, geholt. Lüer hatte auch bald einige sehenswerte Erfolge vorzuweisen. Da der Fahrsport personell sehr aufwendig ist, und auch kein zusätzliches Geld für diese Abteilung bereitgestellt wurde, verabschiedete man diesen Gedanken sehr schnell." Hingegen existierte eine Sportmannschaft Fünfkampf innerhalb des ASK.

In den folgenden Jahren passierte ganz viel in der Sportmannschaft Reiten. Bald kamen weitere Reiter dazu, Pferde wurden gekauft. Ausgebildet und geritten wurde nach den allgemein gültigen Richtlinien. Dies vor allem dank Ausbildnern wie Oberst Koppenhagen von der Kavallerieschule in Hannover, welchem im Verlaufe der Zeit einige weitere gute Ausbildner gefolgt sind. Korrektes Reiten und ein guter Sitz zeichnete die Reiter aus.

 

Die erfolgreiche DDR-Equipe beim CDIO 1971 in Leipzig (von lks) Horst Köhler auf Alfermat, Gerhard Brockmüller auf Tristan und Wolfgang Müller auf Semafor - Generalmajor a.D. Arno von Lenski übergibt den Pokal an Trainer Willi Lorenz

(Foto: privat)


In Mexico fiel sofort auf, wie gut die drei Herren ritten und wie seriös ihre Pferde ausgebildet waren. Wir haben befürchtet, dass die Bronzemedaille an diese Mannschaft -  anstatt an uns Schweizer gehen könnte.

In den drei Disziplinen Dressur, Springen und Military waren die Reiter auch schon erfolgreich, bevor Starts im Westen möglich waren. Dies wurde eigentlich von uns im Westen gar nicht wahrgenommen und auch nicht publiziert. Wir jedenfalls hatten keine oder nicht viel Ahnung und ich denke, den Leuten allgemein im Westen ging es so. Die Reiter der drei Disziplinen (Dressur, Springen und Military) hatten alle eine sehr gute Ausbildung und ritten teilweise hervorragend.

Die Dressurreiter profitierten unter anderem auch von Oberst Frantisek Jandl aus der damaligen Tschechoslowakei, welcher ja auch viele Jahre FEI- Richter war. Mit ihm wurden immer wieder Lehrgänge organisiert. Oberst Jandl lehrte die Reiter, wie sie selber sagen, "das feine Reiten mit allem Drum und Dran". Aber nicht zu jeder Zeit stand ein guter Ausbildner zur Verfügung, und so waren die Reiter oft auf sich selber angewiesen. Sie haben einander beobachtet bei der Arbeit mit den Pferden, korrigierten sich gegenseitig und brachten sich selber viel bei. Sie tauschten auch schon mal die Pferde untereinander aus. Zusammenhalt und Zusammenarbeit wurden groß geschrieben. Kontakt zu ihren Reiter-Kollegen im Westen hatten sie zu keiner Zeit.

Im Dressursport war vor allem die gebildete Equipe mit Horst Köhler, Wolfgang Müller und Gerhard Brockmüller erfolgreich. Auch als Einzelreiter brillierten sie. An vereinzelte Turniere im Osten wurden damals auch Reiter aus dem Westen eingeladen, dabei hielten die DDR-Reiter mit ihren Pferden einem Vergleich absolut stand. 

Nachdem diese Sportmannschaft Reiten mit den "künftig Medaillenverdächtigen Reitern" von der DDR als Olympische Disziplin gefördert wurde, waren ab sofort auch Starts im Westen möglich geworden. Und nicht selten war dort an einem internationalen Reitturnier die Hymne der DDR zu hören. Die Dressurreiter haben an den internationalen Starts im Westen bedeutende Erfolg zu verzeichnen. Sie waren jeweils ganz vorne klassiert, z.B. vierter Rang mit der Mannschaft an den Olympischen Spielen 1968 in Mexico und der fünfte Rang von Horst Köhler in der Einzelwertung. Weiter waren sie unter anderem Mannschafts-Vize-Europameister in Wolfsburg 1969. An der Weltmeisterschaft in Aachen 1970 folgte die Bronzemedaille mit der Mannschaft.

Und dann - im Jahre 1973 das Ende

Mir nichts, dir nichts wurde die Sportmannschaft Reiten innerhalb des Armeesportklub Vorwärts Potsdam aufgelöst. Obwohl vor allem die Dressurreiter an den internationalen Starts im Westen so erfolgreich waren, wurde beschlossen, dass der Pferdesport als Olympische Disziplin von der DDR nicht mehr weiter gefördert werde. Somit war auf einen Schlag in Bezug auf Reiter und deren Pferde alles vorbei. Die Sportmannschaft Reiten im Armeesportklub Vorwärts Potsdam gehörte von einem Tag auf den Andern der Vergangenheit an...

Die Begründung lautete: In einer Reithalle könnten maximal vier Medaillen (1 x Mannschaft und 3 x Einzel) angepeilt werden, in einer Schwimmhalle mit neun Bahnen hingegen, und dies ganztägig, würde, Chancen auf viele Medaillen bestehen.

Heute klingt das unglaublich, jedoch muss man bedenken, es waren ganz andere Umstände als heute. Eine andere Zeit. Und in dieser Zeit zählten in der damaligen DDR  ausschließlich die Anzahl gewonnener Medaillen, die von  großen, internationalen Sportanlässen nach Hause gebracht wurden.

In der Folge wurden alsbald die Pferde verkauft. Das Personal entlassen oder anderweitig untergebracht, das Material wurde ebenfalls verkauft. Es sei wie auf einer Flucht gewesen. Zitat: "Die guten Pferde blieben dem Sport deshalb erhalten, weil die Reiter der Sportmannschaft Reiten über deren Verbleib mitbestimmen durften. Darum konnten dann viele junge Reiter von diesen vierbeinigen Lehrmeistern profitieren."

Mitte September 1973, 16 Jahre nach der Gründung der Sportmannschaft Reiten im Armeesportklub Vorwärts Potsdam, wurde "von Oberfeldwebel Leuendorf, einem Sattler,  und Oberfeldwebel Ruedi Kiesling das Licht ausgeknipst, die Türen und die Tore geschlossen. Der gesamte Komplex wurde an den stellvertretenden Kommandeur/RD des ASK Potsdam, übergeben".  Die große Reithalle war dann noch eine Zeitlang Trainingsort für die Basis Sportmannschaft Fechten des ASK.

Aus, vorbei auf Nimmerwiedersehen. Und weshalb genau plötzlich alles zu Ende war, wurde nicht gesagt. Die Reiter verschwanden von den internationalen Turnierplätzen im Westen so schnell, wie sie gekommen waren. Künftig fand der Turnier-Reitsport im Osten Deutschlands wieder nur noch im eigenen Teil des Landes, hinter der Mauer, statt. Denn bis zum Fall dieser Mauer im Jahre 1989 sollte es ja noch weitere 16 Jahre dauern.

Im November 2008 wurde der 70. Geburtstag von Horst Köhler, einem der drei Reiter der ehemaligen DDR-Dressur-Mannschaft, gefeiert. Natürlich kamen, wie jedes Mal bei Zusammenkünften unter den vielen "Ehemaligen", wieder einmal unzählige Erinnerungen zur Sprache. Auch Fotos wurden ausgetauscht und man ließ die vergangenen Zeiten aufleben.

Auch die oben erwähnte Ute Jacobs war Gast an dieser Feier, und so lernte sie alle ehemaligen Reiter kennen. Bald hatte sie die spontane Idee, man müsse die vielen Erinnerungen zusammen mit Fotos in einem Buche festhalten, um so die Geschichte der Sportmannschaft Reiten des Armeesportklub Vorwärts Potsdam nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

"Bewahren - um nicht zu vergessen…"

Ute Jacobs begann, in Bibliotheken oder in Archiven nach Material für ihr Buch zu suchen. Sie fand vieles, jedoch nichts  über eine Sportmannschaft Reiten in der DDR zwischen 1957 und 1973. So beschaffte sie sich die Adressen und die Telefonnummern der "Ehemaligen", hat jeden Einzelnen angeschrieben, telefonisch kontaktiert, teilweise auch aufgesucht und bat darum, die Zugehörigkeit und die Erlebnisse aufzuschreiben. Sie hat nach Zeitungsausschnitten Ausschau gehalten, hat alles gesammelt, was sie finden  konnte. Sie ließ auch dort nicht locker, wo die Resonanz der ehemaligen Reiter zähflüssig vonstatten ging.


Und dann hat Ute Jacobs mit diesem enormen Aufwand ein tolles Buch geschaffen. Viele Fotos und Berichte sammelte sie unermüdlich und stellte sie zusammen. Die Reiter haben ihre Erinnerungen zu Papier gebracht und ihr zugestellt, das einst Erlebte schriftlich festgehalten. Sie haben ihr alles zugeschickt, was auch nur irgendwie von Interesse war oder sein könnte. Und sie schickten ihr unzählige Fotos aus Privatbesitz. 

Frau Jacobs ist es zu verdanken, dass doch noch überliefert und nachzulesen ist, dass es damals, vor der Wende, in der damaligen DDR eine Reitkultur gegeben hat. Wie und warum diese entstanden und dann wieder verschwunden ist. Aus erster Hand berichtet von den Direkt-Beteiligten. Eine relativ kleine Auflage für den Eigengebrauch wurde daraufhin gedruckt, und dadurch lebt die Sportmannschaft Reiten sozusagen wieder auf.

Die Erzählungen von Herrn Müller und die Person Ute Jacobs haben mich beeindruckt. Wie wenig wussten und wissen wir doch von der ganzen Sache. Und  die DDR-Reiter waren ausgezeichnete Reiter in allen Sparten, und wir hier hatten nicht einmal Ahnung davon, außer vielleicht eine sehr vage Vorstellung.

Weil in einer Schwimmhalle auf mehr Medaillen hintrainiert werden konnte als in einer Reithalle – war Grund genug, auf einen Schlag die Sportmannschaft Reiten sozusagen "auszulöschen“.

Nicht ausgelöscht ist die Verbundenheit unter den Reitern. Sie treffen sich an Geburtstagen sowie zwei- bis dreimal jährlich in Krampnitz bei Potsdam auf der Reitanlage von Uwe Rückert. Dieser ist der Sohn von Major Albert Rückert, welcher die Sportmannschaft Reiten von 1959 bis 1967 leitete.

Immer wieder gibt es Menschen, welche uns vor Augen führen, was einmal war. Die Realisierung dieses Buches lässt eine "vergessene Geschichte" wieder aufleben. "Bewahren - um nicht zu vergessen", so der treffende Titel.

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Marianne Fankhauser-Gossweiler gehörte mit 21 Jahren zur Schweizer Dressur-Equipe, die 1964 in Tokio Teamsilber und 1968 in Mexiko Mannschafts-Bronze bei Olympia gewann, 1965 war sie in Bern bei der ersten Weltmeisterschaft mit der Equipe Zweite hinter Deutschland, 1967 bei der Europameisterschaft in Aachen war sie Mitglied der Schweizer Bronze-Equipe, jeweils auf dem Lipizzaner Stephan. Bei Olympia in Mexiko City lernte sie den Olympia-Ruderer Urs Fankhauser kennen, sie heirateten 1971, Marianne Gossweiler beendete im gleichen Jahr ihre Karriere.