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Kaya Lüthi - Deutschland verlor ein Springreiter-Juwel PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Dieter Ludwig   
Mittwoch, 08. März 2017 um 19:25

 

Kaya Lüthi mit der Stute Big Casanova

(Alle Fotos: Kalle Frieler)

Stadtlohn. Der deutsche Reitsport verlor ein hoffnungsvolles Talent, Springreiterin Kaya Lüthi, sie  startet in Zukunft für die Schweiz und sieht darin auch eine Chance…

 

Das war nun erstmals ein anderes Gefühl. Nämlich aus dem Lautsprecher den Ansager zu hören: „Nächste Starterin Kaya Lüthi - Schweiz.“ So war das erstmals am letzten Wochenende in der Dortmunder Westfalenhalle beim traditionellen Turnier im einstmals größten Kuppelbau Europas. Seit 27. Februar reitet das große Springtalent für Helvetia, ihr Lebensmittelpunkt ist jedoch Stadtlohn im Kreis Borken, dort unterhalten sie und ihr Partner Johannes Ehning einen Ausbildungs- und Handelsstall.

 

Die Adresse lautet „Almsick 47“, Stadtteil von Stadtlohn in Nordrhein-Westfalen, gleich an der Kante zu den Niederlanden. Wer sich aufs Navy verlässt, kommt möglicherweise dort nicht an, aber sicher gegenüber. Und dort weiß der Bauer Bescheid, man sieht nämlich  in jenem platten Landstrich bereits morgens, wer die Haustür aufmacht und vielleicht am Abend kommt, wie der Volksmund behauptet. Der Bauer auf dem riesigen grünen Trekker sagt: „Habe gleich gesehen, am fremden Nummernschild, dass sich da wieder einer verfahren hat, der wohl zum Ehning möchte.“ Er zeigt mit der Hand und sagt: "Vor, nächste Straße rechts rum, genau gegenüber.“

 

Auf dem kleinen unauffälligen Briefkasten am Haus steht ganz klein gedruckt „Ehning“. Hier also ist nun auch Kaya Lüthi, die am 10. März Geburtstag hat, zuhause, mit ihrem Lebenspartner Johannes Ehning (34). Er ist der sogenannte „kleine Bruder“ des großen Marcus Ehning, der so schön reitet, dass man gar nicht glauben mag, dass er auch noch ans Gewinnen denkt, was aber dann letzten Endes doch eine logische Folge wird. Das Bruderpaar ist wahrlich recht unterschiedlich, Marcus wirkt stets ernst, Lachen ist nicht gerade sein Markenzeichen, Johannes wiederum kommt einem offen entgegen, verschmitzt, meist auch noch mit einem guten Spruch. Der Jüngere ist stolz auf den so erfolgreichen großen Bruder, der schon Mannschafts-Olympiasieger war, dreimal den Weltcup gewann, den Großen Preis in Aachen und vieles andere mehr, da kommt er eben nicht mit. Sieben Nationen-Preise hat er für Deutschland geritten, war Europameister im Nachwuchs-Bereich, „wir verstehen uns dennoch sehr gut“, sagt Johannes Ehning. Zwei Söhne mit Top-Pferden auszurüsten, wäre für Vater Richard Ehning nicht möglich gewesen. Beide wissen, wie sich das Siegen anfühlt. Nur der eine sitzt eben auf dem besseren Pferdematerial.

 

Die Neu-Schweizerin Kaya Lüthi in Dortmunds Westfalenhalle erstmals für Helvetia am Start - gleich erfolgreich auf der zehnjährigen Chacco-Blue-Stute Caramia um den Baker Tilly Cup

 

Johannes Ehning, wie der Bruder gelernter Groß- und Außenhandelskaufmann, erwarb den Hof in Almsick vor zwei Jahren, „ein Schnäppchen“, sagt Mutter Hilde, die gerade Essen von Zuhause bringt, aus dem gerade mal 24 km entfernten Borken. Zwei Hektar Land, Wiesen, proper eingezäumt, das Material aus Holz, fünf Paddocks, eine große Reithalle, Außenboxen, Führanlage, es wurde viel investiert, vieles musste erst einmal zurückstehen. Im Haus Ehning weiß man, wie hart Geld verdient wird. 40 Pferde stehen in den Boxen, meist von Kunden. Haustierarzt ist Jan-Morten Kruck aus Steinfurth, wenn was Schlimmeres anliegt, wird die Tierklinik des früheren deutschen Team-Veterinärs Dr. Björn Nolting in Leichlingen bei Leverkusen angesteuert.

 

„Johannes Ehning Showjumpers“, kurz: JES, soll mal zu einem Markenzeichen werden, Ausbildungs- und Handelsstall auf höchstem Niveau, nach den bereits bestehenden geschäftlichen Verbindungen scheint nirgendwo ein unüberwindbarer Wassergraben zu liegen. Wenn Johannes E. mal Zeit hat, kickt er im örtlichen Fußball-Verein Almsick („als Stürmer“), zum Sportplatz gleich nebenan kann er zu Fuß gehen.

 

Deutscher Coach Otto Becker enttäuscht

 

Alltag, das ist für Kaya Lüthi (23) vor allem der Sport, das Pferd. „Wenn ich ein Pferd anschaue, dann sehe ich einen Menschen vor mir“, sagt sie, „einen wahren Freund.“ Tiere sind für sie keine Sache, wie das deutsche Gesetzbuch immer noch behauptet, ihre Mischlingshündin Emma hat sie im Tierheim in Singen in der Nähe des Bodensees mitgenommen. Der Sprung über die Grenzschranke in die Schweiz hat sie sich gut überlegt, besprochen mit dem Lebenspartner („seit 2015 zusammen“), mit Mutter Patricia Lüthi und Stiefvater Günter Orschel (60), der für Bulgarien bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney in den Sattel gestiegen war. Und auch mit den Pferdebesitzern wurde diskutiert, niemand widersprach, eher das Gegenteil, sei der Fall gewesen. Sie sagt, sie wisse zu schätzen, wie sie vom deutschen Verband unterstützt wurde, „aber, um in Deutschland für ein Championat nominiert zu werden, ist das ja unglaublich schwierig, es gibt zu viele und dazu auch sehr gute Reiter“, sagt sie. Johannes Ehning wirft ein, über den Schweizer Verband mehr Startmöglichkeiten bei großen Turnieren zu erhalten, sei vielleicht nun einfacher als in Deutschland.

 

Um in eine Equipe zu kommen, das weiß der Insider, ist verdammt schwer und schwierig. Früher war für Ostblocktouren schwer, eine Mannschaft zu finden, die Spaß hatte, zum Beispiel beim polnischen CSIO in Allenstein zu starten. Das gewonnene Preisgeld war nicht umtauschbar, konnte nur vor Ort verbrasst werden. Es wog jedoch oft die Ehre, für Deutschland zu reiten. Viele begannen ihre Nationen-Preis-Aera in Allenstein, wie zum Beispiel Paul Schockemöhle. Alles längst passé.  Nach dem untergegangenen Sozialismus änderte sich in Polen, Russland und anderswo in den ehemaligen Oststaaten auch der Reitsport, und der wurde eben im Westen gemacht. 25 Jahre nach dem Fall aller Mauern und dem Hochziehen der Schlagbäume werden in Warschau, Allenstein, Moskau, Samorin, Budapest, in der Ukraine oder in der Tschechoslowakei inzwischen gute Preisgelder vor allem im Springen ausgeschüttet, und  Equipechefs wie einstmals Helmut Krah müssen nicht mehr betteln gehen, um eine Equipe für einen CSIO nominieren zu können.

 

Für Kaya Lüthi lief das Unterfangen Wechsel des Sportpasses über die nationale Föderation der Schweiz. die schrieb den Weltverband (FEI) in Lausanne an, und der wiederum informierte die deutsche FN, die nichts dagegen hatte. Der deutsche Bundestrainer Otto Becker zeigte sich jedoch ein bisschen enttäuscht über den Ablauf des Wechsels, schließlich trainierte Kaya Lüthi ein Jahr bei ihm, „ich hätte mich gefreut, wenn sie mich in einem Anruf darüber persönlich informiert hätte“. Jedenfalls wünscht er ihr viel Glück und Erfolg für die Zukunft. Ihr tut es wiederum leid, nicht selbst darauf gekommen zu sein, Otto Becker anzurufen.

 

„Pferde, Pferde, Pferde – nichts anderes…“


Kaya Lüthi wurde im kleinen Ort Münsterlingen im Kanton Thurgau geboren, am Bodensee auf Schweizer Seite. Dadurch besitzt sie auch die Staatsangehörigkeit der Eidgenossen. Mutter Patricia Lüthi, Schweizerin,  suchte den nicht gerade alltäglichen Vornamen  Kaya aus, was in verschiedenen Sprachen „die Reine“, die Gräfin“ oder „der Fels“ heißt. Pferde waren bereits in Kindesjahren alles für Kaya. Im kleinen deutschen Ort Aach mit weniger als 2.500 Einwohnern, umgeben von den Vulkankuppeln des Hegaus, nahe am Bodensee und nicht weit von der Schweiz, erwarb ihr Großvater ein Grundstück und ließ darauf den „Hirtenhof“ bauen, einen Reitstall. Opa Cesar Lüthi war eine gewaltige und einflussreiche Persönlichkeit mit seiner Marketingfirma „CWL“ – Cesar W. Lüthi – in Kreuzlingen am Bodensee. Er erfand u.a. die drehbare Bandenwerbung und stieg in die Liste der reichsten 300 Schweizer auf. Sein erster großer Auftrag war die Vermarktung der Münchner Olympiahalle 1972, 1980 übertrug ihm der Deutsche Fußball-Bund, der größte nationale Sportverband in der Welt, die Werberechte.

 

Kaya Lüthi besuchte nach der Grundschule in Aach zusammen mit ihrer etwas älteren Schwester Kim die internationale Schule in Schaffhausen („wo nur in englischer Sprache unterrichtet wurde“), nach Abschluss der Realschule begann sie eine Ausbildung als Pferdewirtin in Albführen im ziemlich südlichsten Zipfel von Deutschland, „denn mir war klar, dass ich mein Leben lang immer nur mit Pferden zu tun haben will.“ Nach Ende der Ausbildung im elterlichen „Pferdezentrum Hirtenhof“ ging sie im April 2015 zum deutschen Bundestrainer Otto Becker zur weiteren Schulung nach Albersloh bei Münster.  Der Aufstieg nahm noch mehr an Fahrt auf. Sie siegte um den „Pokal U 25“ in Balve, wurde im gleichen Jahr Vize-Europameisterin mit dem Team und in der Einzelwertung der Jungen Reiter in Wiener-Neustadt, sie siegte in Warendorf beim Wettbewerb „Preis der Besten“ und kam in den Bundeskader „Junge Reiter“.

 

Zusätzliche Kontakte hat Kaya Lüthi auf besondere Art ins Land der Eidgenossen,   denn der auf dem Foto sechsjährige Wallach Go Joed unter ihrem Sattel gehört zu Teilen dem Schweizer Coach Thomas Fuchs...

 

„Fluch“ der Europameisterschaft – zwei Jahre warten

 

In den Jahren davor, ab 2007,  war sie im Nachwuchsbereich bereits eine, sie ritt u.a. Nationen-Preise bei den Junioren wie davor schon auf Ponys, 2013 wurde sie Deutsche Meisterin der Jungen Reiter, 2014 kehrte sie von den Europameisterschaften der Jungen Reiter mit Einzelsilber zurück, sie holte Schleifen und Pokale en masse, mit 19 Jahren wurde sie für zehn Siege in schweren Springen mit dem Goldenen Reiterabzeichen der deutschen FN geehrt, auf dem Küchentisch steht eine Pferdestatuette als Ehrenpreis für den ersten Platz im Großen Preis von Rastede 2016, fast in Nachbarschaft von Vechta, wo Pferdeleute zuhause sind.

 

Mit dem sportlichen Wechsel ins Nachbarland beginnt auch für sie ein neues Zeitalter. „Ich weiß, ich muss vor allem Leistung bringen, um weiter nach oben zu kommen“, sagt sie. Gutes Aussehen reicht nicht, um von Equipechef Andy Kistler nominiert zu werden. Ihr Traum: „Mal in Aachen beim CHIO starten zu können, in der offiziellen Equipe, natürlich auch bei einer internationalen Meisterschaft und dann natürlich bei Olympischen Spielen, davon träumt doch jeder.“

 

Für große internationale Wettbewerbe hängt sie zunächst noch in einer Warteschleife, denn nach dem Reglement des Weltverbandes ist ein Reiter, der an einem internationalen Wettbewerb teilgenommen hat, wie Europa- und Weltmeisterschaft, einem Internationalen Offiziellen Turnier (CHIO), Olympia oder Weltcup, zunächst für zwei Jahre gesperrt. Kaya Lüthi muss nach Stand der Dinge bis zum 15. August diesen Jahres ausharren, dann sind die „berühmten“ zwei Jahre seit der Europameisterschaft in Wiener-Neustadt zu Ende. Doch Andy Kistler hofft, „dass wir bei der FEI eine Verkürzung der Wartezeit erreichen können…“