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Amerikanische Altvordere sehen ihren Springsport in einer Abwärtsspirale PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Dieter Ludwig   
Donnerstag, 31. August 2017 um 20:06

Wassenberg. Der Springsport in den USA steht an einem Wendepunkt. Und die früheren Könner haben auch gleich den Grund erkannt – das Geld, das zur Vernachlässigung intensiver eigener Ausbildung führe und dennoch einigen geldverwöhnten Starts in der obersten Etage des Turniersports ermögliche, Dank großartig ausgebildeter Pferde…

 

 

Hartwig Steenken flog ein Jahr vor der Weltmeisterschaft in Hickstead in die USA, um sich schlau zu machen über die amerikanische viel gelobte Reiterei. Nach der Rückkehr redete er nur noch von einem, von Rodney Jenkins, wegen der roten Haare auch „der Rote Reiter“ genannt. Er machte ihn auch noch gleich zum kommenden Springreiter-Weltmeister 1974, “der“, so sagte der Team-Olympiasieger damals, „der ist nicht zu schlagen.“ Den Titel gewann Hartwig Steenken, der in jener Zeit schon als Legende betitelte Rodney Jenkins, heute 73 Jahre alt, und sein Blüter Idle Dice erreichten in Hickstead nicht einmal das Finale mit Pferdewechsel.

Was damals Steenken so faszinierte in den USA, das war die Rittigkeit der hoch im Blut stehenden Springpferde, die rhythmische Reiterei der Amerikaner aufgrund der vielen Hunterprüfungen, diese Leichtigkeit im Parcours. Die Amerikaner hatten den europäischen Springstil Europas übernommen, den wiederum hatte der ungarische Rittmeister Bertalan de Nemethy als Imigrant nach Ende des Zweiten Weltkriegs mitgebracht in die Staaten und dort ein Leistungszentrum bei New York aufgebaut. Auf der anderen Seite wiederum durften die Pferde auch mal selbst im Parcours entscheiden, von welchem Punkt vor einem Hindernis sie abspringen wollten. Reiterliche Fehler bügelten die Blüter oft dadurch aus.

 

Alles auf Dressur gebaut

 

Die deutsche unbestritten erfolgreiche und zugleich klassische Reitweise war damals ganz darauf ausgerichtet, ein Pferd im Parcours stets unter Kontrolle zu haben. Alle Reiter besaßen eine gute Dressurausbildung, daraus resultierten Siege und Platzierungen auf allen großen Turnieren. Eine gute Dressurschule erforderten wiederum auch die damals unter dem Sattel gehenden Warmblüter wie beispielsweise ein Meteor von Fritz Thiedemann, der wahrlich kein edler Vollblüter war und in seiner engeren Heimat Holstein vor der sportlichen Karriere einen Wagen mit Milchkannen zur Molkerei zog. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Pferd auf dem Feld immer weniger gebraucht, der Traktor löste das Pferd ab. Die Zucht vornehmlich in Westeuropa stellte sich um auf das reine Sportpferd, mit der Veredlung änderte sich auch die Reitweise.

Der sportliche Erfolg der deutschen, französischen und englischen Springreiter zog irgendwann die US-Amerikaner magisch nach Europa, der Pferde wegen. Und sie hatten Dollar bündelweise dabei. Dollar-Kurs in den 70er-Jahren: Zum Beispiel 4 DM oder 10 französische Francs gleich 1 Dollar. Dazu waren damals in den USA Pferde von der Steuer abzusetzen als Betriebs- oder Werbekosten. In einem Interview mit dem Magazin „Horse International“ erinnert sich Katie Monahan (63), mit dem französischen Springreiter Henri Prudent verheiratet, es habe damals in Frankreich viele gute Pferde gegeben, „sie waren aufgrund des Dollarkurses zu guten Preisen zu kaufen und in den USA wiederum zu veräußern“. Und plötzlich seien immer mehr Reiter und Händler nach Europa geflogen, um Pferde zu kaufen, erzählte die Weltcup-Zweite von 1979 und Mannschafts-Weltmeisterin von 1986. Die Preise waren so günstig, dass sich ein reger Flugverkehr der Reiter und Pferdehändler zwischen Europa und Nordamerika entwickelte. Es begann gar eine Art Schwemme, wer nur konnte, reiste nach Europa zum Pferdekauf.

 

Erfolg mit Geld erkaufen wollen

 

Das Geld verwirrte auch viele Eltern. Sie erkannten instinktiv, aufgrund ihrer pekuniären Möglichkeiten Sohn oder Tochter in den gehobenen Sport zu hieven, „ohne dabei zu überlegen, dass Reiten ja eine ganz eigene und spezielle Sportart ist“, so Katie Monahan-Prudent. Und eine zusätzliche Misere habe dieser günstige Pferdekauf ebenfalls im Kielwasser mitgezogen, denn plötzlich hätten sich mittelmäßige Reiter ohne eigene fundierte Ausbildung zu wissenden Trainern aufgeschwungen. Ein gutes Pferd verhelfe einem normal talentierten Reiter, ein gewisses Niveau zu erreichen, „aber, um ganz nach oben zu kommen, gehört mehr dazu, neben Talent benötigt man Fleiß, Energie, Ausdauer und einen guten Coach, der einen nicht nur verhätschelt und das Pferd reitet, wenn man selbst keine Lust dazu habe“, so Prudent-Monahan.

Es gäbe natürlich auch andere Beispiele, wie McLain Ward, Leslie Howard, Tim Grubb, Kent Farrington oder Beezie Madden und Laura Kraut, die alle aus einfachen Verhältnissen kämen, zum Beispiel, „wenn sie aufhören, dann weiß ich nicht, wie es im amerikanischen Springsport weitergehen wird.“ Es gäbe natürlich gute Nachwuchsreiter, wie Katie Dinan, Jessica Springsteen oder Reed Kessler, aber sie seien nicht zu vergleichen mit den vorher genannten, „sie haben zwar gute Veranlagungen zum Reitsport, „aber sie saßen immer nur auf ausgezeichneten Pferden“, gequält hätten sie sich nicht. Und sie nennt ein Beispiel, ohne Namensangabe, „da habe ein Mädchen mal keine große Lust zum Reiter gehabt, aber der Trainer wollte trotzdem, dass sie ein anderes Pferd ohne  Bügel reite, „doch der Stallmanager ging dazwischen und sagte, lass mal, sie hat eine Verabredung und muss noch zur Maniküre…“ Und genau diese Haltung mache sie krank, sagt . Monahan-Prudent in dem Interview mit dem Magazin „Horse International“ und hängt an: „Ich will behaupten, dass Kinder aus reichen Familien nicht in gleichem Maße reitversessen sind wie Kinder, die in einem weniger wohlhabenden Umfeld heranwachsen.“ Das wäre auch ein Problem.

 

George Morris: „Kulturelles Problem“

 

George Morris (79), lange selbst Spitzenreiter, danach bis vor einigen Jahren Teamchef der USA-Spring-Equipe, sagt, alles sei ein Problem der Erziehung, eine Angelegenheit der Kultur. „Bis in die 80er-Jahre wollten die Eltern, dass Trainer hart im Unterricht waren.“ Jetzt, wenn ein Coach ein Kind zweimal etwas scharf anschaue, „kommen die Eltern und geben es in den Unterricht zu einem anderen Trainer“, Eltern wollen heutzutage eine weiche Behandlung eines Kindes im Reitunterricht. Auch der Parcoursaufbau habe sich in der Welt geändert, ob in Shanghai, ob in Wellington oder Sydney „überall das gleiche, alles weich gespült, keine Einfälle mehr bei Hindernissen“. Ihm widerspricht auch nicht der international renommierte deutsche Parcoursgestalter Frank Rothenberger (Bünde), der bekräftigt: „Alles ist inzwischen gleich.“ Morris: „Früher gehörte zum Springsport viel Mut, das ist Vergangenheit. Ein Parcoursbauer hat heute nach dem Reglement auch nicht mehr jene Möglichkeiten wie früher, es wird ja alles vorgegeben.“

Die Gesichter in den einzelnen Equipen seien die gleichen wie vor vielen Jahren, ob in der deutschen, britischen oder amerikanischen Equipe, „weil die einzelnen hart erzogen wurden, unterrichtet nach einem fundierten Schema, sie hatten alles zu reiten, sie mussten auf junge Pferde, alte Pferde, gute und schlechte, Rennpferde, sie mussten Dressur reiten, das umfassende Wissen machte sie zu guten Reitern. Bei Problemen mit einem Pferd haben die meisten heute keine Antwort darauf, auch keine Vorstellung, wie etwas abzustellen sei – weil sie es auch nicht gelernt haben, denn es wurde ihnen auch nicht beigebracht.“

 

McLain Ward schwächt ab

 

MacLain Ward, Weltcupgewinner und zweimaliger Team-Olympiasieger, schwächt die Worte von Ketie Monahan-Prudent ab, „auch wenn sie in vielen Punkten recht hat. Aber der Sport hat sich weiter entwickelt.“ Man könne das Reiten von vor 20 Jahren nicht mit dem Sport der Gegenwart vergleichen, „der Druck sei stärker geworden, auch von außen.“ Er finde es nicht fair, jemanden aus gut situierten Familienverhältnissen als nicht ehrgeizig oder hart genug für den Sport zu bezeichnen, „denn ich weiß aus eigener Anschauung, schließlich arbeite ich mit solchen jungen Reitern zusammen, dass sie alle genauso ehrgeizig sind wie ich.“ Er führt als Beispiel Lucy Davis (24) an, er sei mit ihr in der Equipe bei Olympia in Rio geritten, „sie ist ehrgeizig, professionell in der Einstellung und eine harte Arbeiterin“.

Und er sagt, er, oder Kent Farrington oder Beezie Madden hätten ihr Leben ganz anders ausgerichtet als eben jene Reiter aus reichem Hause. Die setzten sich vielleicht ebenfalls bestimmte Ziele, aber die seien nicht lebensnotwendig für sie – wie für ihn, oder Farrington oder Beezie Madden, die diese Intensität bräuchten.

Dass sich der amerikanische Springsport in einer Spirale abwärts drehe, sei so falsch wie das negative Urteil über die jungen Reiterinnen oder Reiter.