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Erinnerung an einen stillen Helden... PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Dieter Ludwig   
Mittwoch, 01. November 2017 um 18:56

 

Willi Schultheis

(Foto: Raimund Hesse)

Wassenberg. Wenn die Abende früher beginnen, blättert man gerne auch in  Büchern, Leitzordern alter Art, In solchen Momenten der Erinnerungen und des Nachlesens wird manches gefunden oder wieder entdeckt, wie nun ein Brief des ersten deutschen Dressur-Bundestrainers Willi Schultheis aus dem Jahre 1993…

 

 

Der Hungrige versteht den Satten nicht, der Reiche nicht den Armen, bekannter Spruch. Für die Alten interessiert sich – auch verständlich - kaum ein Junger, war früher nicht anders, und wird nie anders sein. Wenn jedoch nur einer daran Freude hat, was ein ganz Großer des Dressursports zu erzählen hat, ist der Zweck erfüllt. Also schrieb handschriftlich Willi Schultheis im Mai 1993:

 

„Lieber Dieter Ludwig,

am 25.II.93 verstarb in Walsrode ein alter Freund von mir im 85. Lebensjahr, Erich Voigt, alter Trakehnerzüchter, viele gute Hengste geliefert. Maladrit-Postmeister…

 

Warum ich schreibe, ist folgende Geschichte: Als 1945 die Heeres-Reit- und Fahrschule Krampnitz unter Leitung des letzten Kommandeurs Oberst  H.H. Brinckmann mit ca. 20 Wagen flüchtete, alle Wagen mussten von den Pferden selbst gezogen werden, z.B. Otto Lörkes – (Lörke war einer der weltbesten Ausbilder, d.Red.) -  Pferde Dorffrieden und Fanal mussten den Wagen auch  ziehen, darunter wurde mitgeführt der Vollblüter Strachow xx (Olympiakandidat 1.Klasse unter Oberst Robert Wilcke für die Olympischen Spiele 1940 in Tokio, die ja dann nicht stattfanden). An diesem Treck nahmen auch so Turnierpferde wie Absinth, Trakehner, Silber mit der Equipe 1936 in Berlin 1936 unter Oberst Friedrich Gerhard, dann zwei Hannoveraner Klingsor und Pankgraf des damaligen Chefs des Militarystalles Oberst Busse teil, beide Pferde waren Spitze und gehörten zur großen Schulquadrille von Oberst Felix Bürkner, später von mir wieder hervorgeholt und in München 1972 erstmalig als „In Memoriam Felix Bürkner“ vorgestellt. Die Quadrille dürfte nach meiner Meinung  nur so heißen, denn mit der dann genannten Olympia-Quadrille hat niemand anderer etwas zu tun, alles ist das alleinige Werk von Oberst F.Bürkner.

 

Zurück zu Erich Voigt. In diesem Treck zurück Richtung Westen befand sich auch ein Wagen (auch mit Pferden bespannt) mit den vielen wertvollen Ehrenpreisen der ehemaligen Kavallerieschule Hannover, einschließlich der Ehrenpreise des Rennstalles der Kavallerie-Schule (Großer Preis von Karlshorst etc.), alle diese Ehrenpreise standen beziehungsweise hingen im großen Krampnitzer Offizierscasino.

 

Dank der Briten…

 

Der Treck ging erstmals bis Gardelegen, in der Mitte zwischen Stendal und Wolfsburg. Die Zonenaufteilung der Siegermächte – russische, englische, amerikanische und französische Zone – war ja festgelegt. Die englische Zonengrenze begann in Gardelegen. Dort war auch der erste Stopp des Trecks aus Krampnitz. Die Pferde wurden alle in Notquartieren untergebracht. Aber nach zwei Tagen, mitten in der Nacht, kamen zwei britische Offiziere und ordneten die sofortige Abfahrt (einspannen) an und Abmarsch aus der Umgebung von Gardelegen.

 

Dort gab es nämlich einen Streifen von etwa 12 km, der noch zur russisch besetzten Zone gehörte. Die beiden britischen Offiziere wussten von „Micky“ Brinckmann, um was es sich für Pferde bei dem Treck handelte!!  Auf jeden Fall wurde alles wieder aufgeladen – und ab ging es. An der „neuen“ Grenze standen schon englische, französische und russische Besatzungsoffiziere. Die Russen wollten den Treck nicht passieren lassen, nur nach vielen Diskussionen und vielen Schwierigkeiten gelang es den Engländern, den Treck noch in die britische Zone zu bekommen.

 

Nur – für den Wagen mit den Ehrenpreisen wäre alles zu spät gewesen. Doch der Wagen war längst bei einem überaus ehrlichen Bauern versteckt worden. Den Wagen noch mitzunehmen, wäre unmöglich gewesen in dieser Nacht. Es verging eine relativ lange Zeit, nicht zu vergessen, das Ende des Zweiten Weltkriegs lag gerade kurz zurück.

 

Trophäen unter Rüben

 

In Warendorf hatte sich Gustav Rau mit dem Olympiadekomitee für Reiterei (DOKR) gerade eingerichtet, ich arbeitete als Dressurausbilder bei Baron von Nagel in Vornholz. Eines Tages tauchte Erich Voigt mit einem Planwagen auf, zwei Stuten vorgespannt. Er wurde von Clemens von Nagel als Gestütsinspekteur eingestellt. Eines Tages kam das Gespräch auf die Ehrenpreise. Micky Brinckmann wusste ja, wo sich der Wagen mit den Pokalen befand – nur, wie den Wagen über die Grüne Grenze aus der russischen Zone in den Westen schaffen? Erich Voigt erklärte sich bereit, dieses Kunststück zu wagen. Mit Genehmigung von Gustav Rau vom DOKR und Micky Brinckmann machte sich Erich Voigt auf den Weg in Richtung Gardelegen. Wir in Vornholz hörten nichts mehr vom Unternehmen Voigt – doch plötzlich waren alle Ehrenpreise laut Liste von Micky Brinckmann in Warendorf. Erich Voigt gab  nichts von sich, wie er alles geschafft hat. Mir gegenüber sagte er mal, er habe alle Trophäen auf einem Wagen unter Rüben versteckt durch Zig-Kontrollen der Russen und durch viele Gemeinden bis nach Wolfenbüttel gebracht. Darunter zum Beispiel die begehrte Coppa Musselini für drei Erfolge im Springreiten in Nationenpreisen in Rom und auch die Statuette des Olympiasiegerpferdes in der Dressur, Kronos. Dank Erich Voigt stehen diese Trophäen in Warendorf.

Herzliche Grüße

Dein W.Schultheis.“

 

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Willi Schultheis (6.März 1922 - 24. Juli 1995) war einer der besten Dressurreiter und Ausbilder, von 1974 bis 1979 deutscher Bundestrainer, 1975 als Erster mit dem Titel Reitmeister geehrt, bis dahin war eine Prüfung erforderlich. Achtmal gewann der gebürtige Berliner das Deutscher Derby in Hamburg. Dem Schüler des damals weltbesten Trainers Otto Lörke blieb ein Start bei Olympia versagt, da bis zum Olympischen Kongress 1981 in Baden-Baden Berufssportler von Olympia ausgesperrt waren.