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Nur Fritz Thiedemann als einziger Deutscher bisher erfolgreich bei einem Olympia mit Doppelstart... PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Max E.Ammann/ DL   
Freitag, 07. August 2020 um 16:53

Ittigen/ Schweiz. In den Anfängen der Olympischen Reiterei war es nicht ungewöhnlich, dass Teilnehmer in zwei Disziplinen starteten. So zum Beispiel aus Deutschland der später so beliebte Fritz Thiedemann 1952 in Helsinki in Springen und Dressur, wobei er jeweils Bronze im Einzel-Springen auf Meteor und mit Chronist mit der Dressur-Equipe gewann.Ein Rückblick von Max E.Ammann in der PferdeWoche.

 

Mit Doppel- oder Mehrfachbegabungen sind Reiter oder Pferde gemeint, die in mehr als einer pferdesportlichen Disziplin Spitzenresultate erreichten. Bei den Reitern sind es Doppel- oder Mehrfachbegabungen, die im Laufe ihres reitsportlichen Lebens entweder ihre Disziplin wechselten oder zwei oder drei Disziplinen gleichzeitig ausübten. Bei den Pferden gibt es Doppel- oder Mehrfachbegabungen, die im Laufe ihrer Karriere Siege in zwei oder mehreren Disziplinen errangen.

Colette und Paul Weier

Aus Schweizer Sicht ist die größte Mehrfachbegabung unter den Pferden die irische Vollblutschimmelstute Colette, die mit Hptm. Charles Kuhn von 1924 bis 1934 der Reihe nach, und wiederholt, Siege in Ski­kjörings, Steeplechases, Militarys, «Schönheitskonkurrenzen», Dressurprüfungen und Springprüfungen errang. Darunter waren ein Sieg in der damals bedeutenden internationalen Military von Nizza 1928, ein Springen beim CHIO Luzern und Dressurprüfungen in Thun.


Bei den Reitern war, wiederum aus Schweizer Sicht, der kürzlich 85 Jahre alt gewordene Paul Weier das größte Mehrfachtalent. Im Springen wurde er sechsmal Schweizermeister: 1959 mit Japhet im letzten SM-Pferdewechselfinal, dann zwischen 1961 und 1969 mit Aberdeen, Satan, Junker und Wildfeuer, dazu mit Wulf 1971 EM-Dritter. 1956 und 1957 war er Schweizer Champion der Dressur und startete auch 1959 bei der Dressur-EM in St. Gallen. Im gleichen Jahr stand er ebenfalls im Team bei der Military-EM. Von 1963 bis 1966 gewann Weier dreimal den Wanderpreis, der damals als Schweizer Militarychampionat angesehen wurde. Den erstaunlichs­ten Erfolg errang er 1975 bei der Military-Meisterschaft in Bülach. Dort siegte er mit Lord Roseneath, dem Springpferd seiner Ehefrau Monica.

Du Pont und Hoketsu

Doppel- und Mehrfachstarts gibt es heute kaum mehr, dagegen taucht gelegentlich ein Reiter auf, der Jahrzehnte zuvor in einer Disziplin olympisch geritten ist. Zwei dieser Spätberufenen in einer anderen Disziplin gehen auf die Olympischen Spiele von 1964 zurück. In der Military durften damals erstmals Amazonen starten. Eine davon war die Amerikanerin Lana du Pont. Sie gewann mit der US-Equipe Mannschaftssilber. 27 Jahre später, 1991, nahm sie als Lana Wright als Zweispännerfahrerin an der WM in Zwettl teil und gewann Teamgold. Ebenfalls 1964 bestritt mit bescheidenem Erfolg der Japaner Hiroshi Hoketsu die olympische Springprüfung. 24 Jahre später, 2008 in Hongkong, ritt der nun 67-Jährige den olympischen Dressur-Grand Prix, 2012 war er mit dem gleichen Pferd nochmals dabei.

Früher keine Seltenheit

Doppel- oder Dreifachstarts waren in den Frühzeiten des internationalen Pferdesports keine Ausnahme. An den ersten Olympischen Reiterspielen 1912 in Stockholm starteten sieben Teilnehmer in allen drei Disziplinen und zwölf in deren zwei. Vier der Pferde wurden 1912 in allen drei Disziplinen eingesetzt. Dabei gewann Cocotte unter zwei verschiedenen Reitern bei den Franzosen  Mannschaftssilber im Springen (Albert Seigner) und Bronze in der Military-Einzelwertung (Jean Cariou).

Auch in den 20er-Jahren gab es bei den Olympischen Spielen Dutzende von Zweifachstarts. Dreifachstarts waren es 1920 nur noch zwei: Einer durch den Amerikaner Sloan Doak, mit drei verschiedenen Pferden. 1924 durfte der Major nur noch im Springen und in der Military antreten (wo er Einzelbronze holte), und 1928 nur noch in der Military. Der Bulgare Vladimir Stoytchev, später als General jahrelang Mitglied des FEI-Präsidiums (Bureau), bestritt 1924 wie 1928 bei Olympia sowohl die Dressur als auch die Military. Sein Landsmann Kroum Lekarsky, 1924 und 1928 in der Military dabei, tauchte 1956 und 1960 als olympischer Dressurreiter wieder auf.

Schweizer OS-Doppelstarts

Bei den Schweizern erlebten an den Olympischen Spielen 1924 in Paris drei Offiziere einen Doppelstart. Hans E. Bühler (CC, CS), Henri von der Weid (CD, CS) und Werner Stuber (CD, CS). Hans Schwarzenbach, der von 1951 bis 1960 Schweizer Militarygeschichte schrieb (ers­ter ausländischer Badminton-Sieger 1951, Europameister 1959, olympisches Mannschaftssilber 1960), begann in den 30er-Jahren als Springreiter. Mit den Pferden seiner Mutter Renée bestritt er von 1932 bis 1935 sechs Nationenpreise. Eine noch erstaunlichere Wandlung durchlief Pierre Musy. Der Bundesratssohn siegte 1934 und 1935 zweimal im Hürdenrennen um den Preis der Nationen in Hannover. Zweimal war er Schweizermeister der Rennreiter. 1935 wurde er Vizeweltmeister und 1936 Olympiasieger im Bobfahren. Als Springreiter gewann Musy die nationale 1943 Meisterschaft ,und schließlich 1948 war er Teilnehmer in der Military an den Olympischen Spielen in Amsterdam.


Die Kombination Rennen–Springen/Military findet man in der Schweizer Pferdesportgeschichte der früheren Jahre noch mehrmals. Marc Büchler war Schweizer Champion der Rennreiter und bestritt 1956 die olympische Springprüfung. René Andretto, der Fegentri-Champion der 50er-Jahre, war 1952 Reservereiter Military an den Olympischen Spielen. Auch Rolf P. Ruff, Olympiareiter 1960 in der Military, war in ers­ter Linie Rennreiter. Jahrzehnte früher wechselte Walo Gerber seine Sättel: Vor dem Ersten Weltkrieg ritt er beim CHI in Luzern, dann bestritt er Rennen und 1928 die olympische Military.

Popler, Llewellyn, Kusner

International hatte der Tscheche Rudolf Popler parallele Reitkarrieren. 1924 und 1928 bestritt er das olympische Jagdspringen, 1926 und 1930 gewann er die Pardubitzer Steeplechase mit dem berüchtigten Taxigraben, in Pardubice überstand er auch 1932 einen Sturz nicht. Der Brite Harry Llewellyn gewann 1952 mit seinem Foxhunter olympisches Teamgold im Springen – Jahre zuvor hatte er zweimal die Grand National zu Ende geritten. Kathy Kusner, lange Mitglied der erfolgreichen Springreitequipe der USA, wollte nach ihrem Rücktritt Rennreiterin werden. Dies schaffte sie, nach monatelangem, von der amerikanischen Presse mit Genuss verfolgten Kampf gegen die frauenfeindlichen US-Rennbehörden.

Hans Moser, der Schweizer Dressur-Olympiasieger von 1948, trat bei den Olympischen Spielen von 1936 in Berlin die Dressur und Military an, und auch Annelies Stoffel, die wohl erfolgreichste Amazone Europas der Zwischenkriegsjahre, siegte nicht nur in Springen, sondern auch in Geländeprüfungen.

Ajax und Diana

Anfangs der 70er-Jahre sprach man von Ajax, dem Dressurpferd der Schwedin Ulla Håkansson, mit dem sie 1972 olympische Mannschaftsbronze gewann. Fünf Jahre zuvor hatte Håkansson mit dem gleichen Pferd den Titel bei den Nordischen Meisterschaften im Springen geholt. Die erstaunlichsten Erfolge errang die schwedische Stute Diana. 1920 wurde sie von Hauptmann Georg von Braun in der olympischen Military in Antwerpen geritten und stand in der siegreichen schwedischen Equipe. Vier Jahre später qualifizierte sich von Braun mit Diana für die schwedische Springequipe - und erneut gab es Mannschaftsgold in Paris.

Von D’Inzeo über Klimke bis Todd

Von den großen Dressurreitern der früheren Jahre sind Henri St. Cyr (Schweden)  und André Jousseaume (Frankreich) neben ihren Mehrfachstarts in der Dressur auch bei olympischen Vielseitigkeitsprüfungen mitgeritten. Von den bedeutenden Springreitern der Nachkriegsjahre haben die Brüder Raimondo und Piero d’Inzeo aus Italien, der Franzose Guy Lefrant, die Kanadier Tom Gayford, Jim Elder und Jim Day, der Mexikaner Humberto Mariles und der Schweizer Max Hauri olympische Erfahrungen auch als Militaryreiter gesammelt. Zu erwähnen bei den Deutschen: Dressur-Olympiasieger von 1928, Carl Friedrich  Freiherr von Langen, der am gleichen Ort auch die olympische Springprüfung bestritt, Springreiter Fritz Thiedemann, der 1952 neben dem Springen in der Dressur antrat, der oftmalige Dressurchampion Reiner Klimke, der olympisch 1960 als Militaryreiter in Rom begann, und Fritz Ligges, zuerst als Militaryreiter in Tokio Olympiadritter in der Einzelwertung und mit der Equipe, dann im Springen 1972 in München Goldmedaillengewinner mit der Mannschaft, oder auch Lutz Gössing, der als Militaryreiter in München Bronze holte mit der Mannschaft, ehe er ganz ins Springlager wechselte.

Auf tieferem Niveau ritt der Finne Mauno Roiha 1948 und 1952 – in allen drei olympischen Disziplinen, und der Österreicher Rüdiger Wassibauer war ebenfalls in allen drei Disziplinen bei Olympischen Spielen oder FEI-Championaten dabei. Nils Haagensen (Dänemark), 1979 Europameister in der Military, war auch ein erfolgreicher Dressurreiter. Die letzten Mehrfachstarter waren die beiden Spanier Luis Alvarez Cervera und Enrique Sarasola. Die beiden Springreiter bestritten 1992 res­pektive 1996 und 2000 olympische Vielseitigkeitsprüfungen. Mark Todd, der kürzlich vom Sport zurückgetretene zweimalige Military-Olympiasieger von 1984 und 1988, mach­te es umgekehrt. 1988 und 1992 bestritt er auch das olympische Springen.

 


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