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Reiten in der DDR vor der Wende... PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Dieter Ludwig   
Donnerstag, 15. November 2018 um 16:53

Wassenberg. Es war wieder einmal der Tag, um an die Wende zu erinnern, an den Fall der Mauer, am 9. November 1989. Die Mauer fiel und vieles in der DDR wurde anders, auch der Reitsport feierte Auferstehung. Die Apparatschiks des Arbeiter- und Bauernstaates hatten nämlich Reiten wegen Perspektivlosigkeit bei Olympia unmittelbar nach den Spielen in München 1972 komplett abgeschafft. Versuch eines kleinen Rückblicks…

 

 

Ab 1967 war auch die sportliche Welt der DDR in Ordnung. Der Arbeiter- und Bauernstaat durfte ab diesem Jahr endlich mit eigenen Teams bei Wettkämpfen antreten, unter dem Emblem von Hammer und Zirkel, und natürlich unter der eigenen Hymne, von Johannes Becher („Auferstanden aus Ruinen...“). Im gleichen Jahr wurde auch der Deutsche Pferdesport-Verband der DDR als selbständige Föderation bei der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) als vollwertiges Mitglied anerkannt. Damit waren die DDR-Sportler, stets in Blau gewandet, endgültig Wer. Vorbei die schrecklichen Ausscheidungen mit den im Reiten - bis auf die Vielseitigkeit -  sonst so überstarken Westlern.

 

Die vorletzte Ausscheidung zwischen Ost und West fand im Springen vor den Olympischen Spielen 1960 in Rom statt. Die Nationalen Olympischen Komitees (NOK) der Bundesrepublik und der DDR hatten sich auf eine gemeinsame Equipe geeinigt. Fritz Thiedemann und Hans Günter Winkler wurden auf Beschluss beider NOK`s gesetzt, zur Ermittlung des dritten Starters vereinbarten die beiden Föderationen Ausscheidungen in Elmshorn und in Halle/ Saale. Printmedien waren zugelassen, Zuschauer auch, aber keine Radio- und Fernseh-Reporter. Jede Seite durfte drei Reiter benennen. In Elmshorn und in Halle gewinnt Alwin Schockemöhle mit insgesamt 14,25 Fehlerpunkten vor Hermann Schridde (24,75)  und dem DDR-Reiter Manfred Nietzschmann (28). Damit war nach der Abmachung Alwin Schockemöhle der dritte Olympia-Reiter.

 

Doch mit allen nur möglichen Tricks versuchen die Polit-Funktinonäre der Sektion Pferdesport der DDR das Ergebnis in Halle zu kippen. Die Jury  lässt über Lautsprecher den 10.000 Zuschauern verkünden, das Verrücken einer Stange in der dreifachen Kombination von Fee unter Hermann Schridde wäre ein Fehler gewesen, das Ergebnis müsse auf 16,25 Strafpunkte erhöht werden. Erst als auch die Besucher pfiffen und protestierten, wurde das internationale Reglement angewandt, wonach das Verrutschen einer Stange in einer Auflage noch kein Fehler bedeutet. Aber die Politruks gaben sich nicht geschlagen. Jetzt pickten sie sich Alwin Schockemöhle heraus. Was zunächst abgesprochen war, nämlich nicht das Pferd, sondern den Reiter zu bewerten, sollte keine Gültigkeit mehr haben. Schockemöhle hatte auf Bachus in Elmshorn gesiegt, war aber in Halle gestürzt. Die Ost-Funktionäre, im Auslegen von Paragraphen immer schon gewitzter als die Kollegen aus der Bundesrepublik, erreichten die Annullierung der Ausscheidungen und einen dritten Qualifikationswettkampf, alles begann bei Null. In Bochum siegte Alwin Schockemöhle auf Ferdl mit 9,75 Fehlerpunkten vor Nietzschmann auf Seegeist (11), Hermann Schridde gab auf Flagrant auf.  Schockemöhle wurde für Olympia in Rom nominiert und gewann mit Winkler und Thiedemann Gold, Nietzschmann war als Ersatzmann dabei.

 

 

Wenige Wochen vor den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko erregte das DDR-Trio Horst Köhler auf Neuschnee, Gerhard Brockmüller auf Tristan und Wolfgang Müller auf Marios ein gewisses Aufsehen, weil die UdSSR-Auswahl sich in Leipzig nur als Zweiter platzierte. Die drei Armeereiter wurden bei Olympia Vierter und reisten deshalb wahrlich selbstbewusst zur Europameisterschaft ein Jahr später in die Volkswagenstadt Wolfsburg, „zusammen mit den Pferden im Zug“, wie  Wolfgang Müller erzählt. Doch ehe Horst Köhler in den Westen durfte, hatte er noch ganz andere Hindernisse zu überwinden. Der damalige Berliner Rundfunk-Sender „Rias“ hatte nämlich verbreitet, er habe sich in Mexiko von der Mannschaft abgesetzt, das wäre Republikflucht gewesen. Köhler, der gerade 80 wurde in dem Buch über Wolfsburg Turniergeschichte („Von roten Röcken und Goldenen Käfern“): „Ich habe nie herausbekommen, wer die Falschmeldung in die Welt gesetzt hatte.“

 

Erstmals kam also nach Ende des Zweiten Weltkrieges 1969 eine offizielle DDR-Mannschaft in die Bundesrepublik. Bei der Ankunft in Wolfsburg kam es zu den ersten Komplikationen, weil nämlich zunächst der nicht vorgesehene Funktionär die Begrüßungsblumen in Empfang nahm, und auch zugesteckte Kuverts mit pekuniärem Inhalt mussten abgegeben werden, „dafür erhielten wir später andere, da war noch mehr drin“, wie sich Wolfgang Müller erinnert. Und er traf in einer fast abenteuerlichen Geheimaktion auch seine Mutter für ein Plauderstündchen, die längst im Westen lebte.

 

Hinter der BRD/ West-Berlin, so der damalige offizielle Sprachgebrauch der DDR, holten Wolfgang Müller, Horst Köhler und Gerhard Brockmüller die Silbermedaille der Europameisterschaft hinter der bundesdeutschen Mannschaft. Zwei Jahre darauf folgte das nächste Europachampionat in Wolfsburg, diesmal belegte das gleiche Trio – nur teilweise auf anderen Pferden – Rang 4.

 

Nach heutigen Anforderungen leisteten die drei Reiter der Nationalen Volksarmee, stationiert in Potsdam, schier Unglaubliches. Sie hatten gerade mal vier Pferde auf  Grand Prix-Niveau, keinen Trainer, keine Kontakte zu den westlichen großen Dressurreitern, „und auch die UdSSR-Kollegen halfen nicht“,  so Wolfgang Müller. Sie unterstützten sich gegenseitig, lernten vor allem im Zirkus, wie die Pferde auf Piaffe, Passage und Einerwechsel geschult wurden, „und wir hielten unglaublich zusammen“, so Müller, der 1999 von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung den Ehrentitel „Reitmeister“ verliehen erhielt. Er sagte auch, er sei gerne Soldat gewesen, „es hat uns ja an nichts gefehlt, vor allem: Wir konnten reiten. Das war doch das Wichtigste.“ Das Größte sei für ihn „der Gewinn der Silbermedaille bei der EM in Wolfsburg“ gewesen. Er erinnert sich aber auch noch daran, „dass Liselott Linsenhoff oft sagte: Kommt zu mir, wie trinken einen...“ Die damals allgemein üblichen verordneten Aufpasser hatte Ehemann Fritz Linsenhoff jeweils abgefangen.

 

Gerhard Brockmüller erinnert sich noch gut daran, „dass die sowjetischen Equipen auf der Fahrt zum CHIO nach Aachen im Vorfeld darauf drängten, „dass wir noch ein Turnier aufzogen, damit sie unter Wettkampfbedingungen trainieren konnten“. Als echten Freund im Westen nannten alle drei den berühmten Ausbilder Willi Schultheis, der auch das spätere Olympiapferd Kassim vermittelte, das dann in Immanuel umbenannt wurde. Dass der Wallach mal Rosemarie Springer gehörte, durfte in der DDR nicht unbedingt publik werden, deshalb auch der Namenswechsel. Rosemarie Springer war schließlich die Ehefrau des Verlegers Axel Springer, und sein Blatt „Bild“ pflegte nicht unbedingt eine gut nachbarliche Beziehung zur damaligen DDR....

 

Die Reiter der DDR hatten in München 1972 Abschied zu nehmen von der großen internationalen Bühne. Die Springreiter waren bereits vorher gestrichen worden, mit München verschwanden die Vielseitigkeitsreiter nach einem wahrlich ausgezeichneten fünften Rang und die Dressur-Equipe in der Besetzung Horst Köhler auf Immanuel, Wolfgang Müller auf Semafor und Gerhard Brockmüller auf dem bisher von Müller vorgestellten Wallach Marios mit der gleichen Platzierung. Perspektivlosigkeit hieß die Begründung: Übersetzt: Keine Aussicht auf Medaillen.

 

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