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Ammann-Vorschlag: Weltreiterspiele permanent alle vier Jahre in Aachen... PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Max E.Ammann/ DL   
Donnerstag, 22. November 2018 um 17:12

Bern. Vor den letzten Weltreiterspielen zeichnete der Schweizer Journalist Max Ammann bereits ein recht düsteres Bild von diesem Großereignis im Pferdesport, nachdem sich nun für 2022 gar kein Bewerber finden ließ, schlug er in der PferdeWoche u.a. nun vor: Reiterspiele alle vier Jahre in Aachen…

 

Zieht man Bilanz der bisherigen acht Weltreiterspiele (WEG), so kann man nur zwei Austragungen das Prädikat «gelungen» zugestehen: Stockholm 1990 und Aachen 2006. Den Haag 1994 war ein organisatorisches und finanzielles Fiasko, 1998 dank den bestehenden Infrastrukturen von Rom fast wundersam geglückt, aber beschädigt durch die fragwürdige Vergabe durch die FEI und das Versagen der ursprünglich ausgewählten Iren. 2002, im spanischen Jerez de la Frontera, lief in der Vorbereitung zur jedermanns Zufriedenheit alles, und auch während der zwei Woch­en in Jerez gab es kaum Klagen. Aber dann kam ein nie richtig erklärtes Defizit zutage mit monatelang unbezahlten Rechnungen. 2010 in Kentucky und 2014 in der Normandie waren voller organisatorischer Mängel und zum Teil finanzieller Engpässe. Tryon gilt als das negative Sahne­häubchen des Scheiterns an der WEG- Aufgabe.

Stockholm 1990

Stockholm 1990 war ein Sonder- und Glücksfall, vor allem dank der Person des Organisations-Präsidenten Pehr G. Gyllenhammar. Dieser, in der Doppelrolle als Präsident des schwedischen Pferdesportverbandes und Präsident eines der größten Unternehmen Schwedens, Vol­vo mit langjährigem Einsatz für den Pferde­sport, fand in den Vorbereitungsjahren praktisch nur offene Türen: beim Staat, bei der Stadtverwaltung und beim Königshaus. Dank deren Zusagen für das Olympiastadion, die königlichen Gärten und zwei temporär geschlossene Strassen schuf er eine perfekte Infrastruktur. Durch das Training bei einem halben Dutzend Vor-WEG-Turnieren in den Jahren vor 1990 hatte er für die zwei Turnierwochen eine Equipe, die funktionierte und harmonierte. Nur bei einer Amtsstelle hatte Gyllenhammar kein Fortune: Die städtische Finanzverwaltung verweigerte Steuerfreiheit auf die Eintrittsgelder der Zuschauer. Was zum Beispiel dem Stockholm-Marathon zugestanden wurde. Die Kronen-Millionen, die so der Stadt Stockholm abgeführt werden mussten, entsprachen ziemlich genau dem Defizit, das dann, dank der staatlichen Defizitgarantie, von den schwedischen Steuerzahlern gedeckt wurde. Als Gyllenhammar merkte, dass der Generalsekretär der WEG mit seiner Aufgabe überfordert war, demontierte er ihn zum Infrastruktur-Chef und ernannte für den Sport und die Vermarktung zwei Fachleute von außen.

Aachen 2006

Aachen, 16 Jahre später, war perfekt, weil es dem Aachen-Laurensberger Rennverein (ALRV) gelang, sein jährliches Groß­turnier für 2006 zu verdoppeln. Es war ein Gewaltakt, nicht nur organisatorisch, administrativ und finanziell. Auch Hunderte von Freiwilligen mussten motiviert werden, statt der jährlichen Ferienwoche diesmal über 14 Tage zur Verfügung zu stehen.

«On-off-Games»

Als Ende der 80er-Jahre die Idee von Weltreiterspielen vor allem von den Schweden vorangetrieben wurde, sprach der damalige FEI-Präsident, Prinz Philip, immer von «On-off- Games», also einmaligen Spielen. Ob Prinz Philip diese Beschränkung intuitiv oder unter Vorahnung der Limitationen potenzieller Veranstalter hatte, sei dahingestellt. Als während der zwei Wochen in Stockholm der Erfolg der ersten WEG immer klarer wurde und sich vor allem die Niederlande um eine Wiederholung 1994 bewarben, war die «On-off»-Lösung vom Tisch.

Den Haager Katastrophe

In den darauffolgenden 90er-Jahren, mit der Katastrophe von Den Haag und der Agonie des Rückzugs der Iren von 1998, wurde die Idee einer Aufteilung der Weltreiterspiele diskutiert. Weniger von der FEI, denn für den Weltverband des Pferdesports wurden die WEG immer mehr zu dem, was die Amerikaner als «cash cow» bezeichnen – wir würden Goldesel sagen. Die von einer Mehrheit befürwortete Aufteilung war in Stadion- und Felddisziplinen, also ein Paket mit Springen, Dressur und Voltigieren, das andere Paket mit Vielseitigkeit, Fahren und Dis­tanzritt. Den Iren, mit kei­nerlei Erfahrung in Dressur, Voltigieren und Fahren, wurde für 1998 eine Beschränkung auf Springen, Vielseitigkeit und Dis­tanzreiten vorgeschlagen. Sie waren nicht interessiert – bis sie dann ganz verzichteten. Mit dem Desinteresse der FEI an einer derartigen Aufteilung starb die Diskussion.

Profitorientierte US-Veranstalter

Die organisatorische Unzulänglichkeiten in den USA, wie in Lexington 2010 und in Tryon 2018 erlebt, hat seine Ursachen im US-amerikanischen Turniersys­tem. Dieses wird – mit wenigen Ausnahmen – von profitorientierten Veranstaltungsorganisationen betrieben und besteht nicht, wie mehrheitlich in Europa, aus unabhängigen, auf Freiwilligen aufgebauten Einzelorganisationen.
Die US-amerikanisch­en Turnierorganisationen haben Dutzende von Angestellten, selbst Richter gehören dazu, und ziehen von Turnierplatz zu Turnierplatz. An der Ostküste ist der Anfang in Florida mit dem dreimonatigen Winterfestival, dann geht es im Sommer und Herbst nordwärts bis zur kanadischen Grenze. Ihr Einkommen kommt weniger von Sponsoren und Billettverkäufen; es sind die Teilnehmer, die den Betrieb bezahlen: Nenngelder, Startgelder, Stallmiete, Stroh und Heu, Futter und Sitze in den Logen. Die Teilnehmer zahlen für ihr Hotel, das Essen und kommen mit dem eigenen Auto auf den Platz. Sind diese Turnierorganisationen mit den Anforderungen eines Championats konfrontiert, mit Hotelreservationen, Shuttleservice, VIP, sind sie überfordert. Das erlebte man erstmals bei den beiden ersten Weltcupfinals der Springreiter in den USA, 1980 in Baltimore und 1989 in Tampa. Geklappt hat die Anpassung an die europä­ischen Verhältnisse nur dort, wo nicht profitorientierte Organisationen die Finals organisierten: wie 1992 in Del Mar, wo eine halbstaatliche Landwirtschaftsvereinigung Regie führte, oder ab 2000 bei den Las-Vegas-Events, wo eine von den Casinos finanzierte und mit der Organisation von Veranstaltungen beauftragte Firma engagiert wurde.

WEG sollte ein Vorzeigeereignis sein

Über das Versagen der amerikanischen WEG-Organisation hinaus hat auch die FEI ihre Aufgabe vernachlässigt. Erinnert sei an die Weltreiterspiele von 1994 in Den Haag. Da bestand de facto die einzige Verbindung zwischen der FEI in Lausanne und dem OK in den Niederlanden in der Person der von der FEI ernannten Technischen Delegierten (TD) aus Kalifornien. Einen einzigen Besuch machte die Frau im Vorfeld der Spiele. Von Einflussnah­me, Überwachung, Input: keine Spur. Eigentlich sollte doch die FEI alle seine Ressourcen, personeller und finanzieller Art, einsetzen, damit die «World Equestrian Games» zum Erfolg werden und wirklich das sind, was man erträumte: Das Vorzeigeereignis des internationalen Pferdesports. Unter Berücksichtigung des Obigen scheint es illusorisch zu sein, nach dem Prinzip Hoffnung auf neue potenzielle Kandidaten für zukünftige WEG zu warten, einen auszuwählen und zu glauben, alles werde gut.

Zwei Lösungen

• Eine Aufteilung, wie in den 90er-Jahren diskutiert.
• Permanente Weltreiterspiele alle vier Jahre in Aachen.

In beiden Fällen müsste sich die FEI vom Wunschdenken entfernen, die WEG könnten für sie die gleiche «Cash-cow»-Rolle spielen wie Olympische Spiele für das Internationale Olympische Komitee (IOC), die Fußball-WM für die FIFA und die Fuß­ball-EM für die UEFA.


Zur Aufteilung, zum Beispiel in Stadiondisziplinen (Springen, Dressur, Volti­gieren) und Felddisziplinen (Vielseitigkeit, Fahren, Dis­tanzreiten): Damals, vor über 20 Jahren, wäre eine Aufteilung revolutio­när gewesen. Heute sind – umgekehrt – Mehrfachchampionate an der Tagesordnung. Kaum ein Springreitweltcupfinal, an dem nicht auch der Weltcupfinal der Dressurreiter ausgetragen wird. Vor einigen Jahren fügte Leipzig gar noch das Finalturnier im Voltigieren dazu. Auch im Freien wird zusammengeführt: Europameisterschaften mit zwei, ja drei Disziplinen sind heute normal.

Um Aachen als permanenten Austragungsort der Weltreiterspiele seriös zu diskutieren, braucht es natürlich das prinzipielle Interesse des Aachen-Laurensberger Rennvereins und den Willen der FEI zu einer solchen Lösung. Der CHIO, der «Dschio», wie ihn die Aachener nennen, ist weltweit der größ­te pferdesportliche Anlass des Jahres. Eine Erweiterung alle vier Jahre zu Weltreiterspielen würde das Prestige von Aachen nur bestärken. Profitieren würde von permanenten WEG in Aachen die FEI und der Pferdesport, die dann endlich alle vier Jahre einen Groß­fixpunkt hätten, ohne, dass man zittern muss, ob sich überhaupt ein Austragungsort findet und ob der dann mit der Groß­aufgabe nicht überfordert wäre…

 

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