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...und dann fiel in Gera ein halbes Jahr später nochmals die Mauer PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Dieter Ludwig   
Mittwoch, 06. November 2019 um 20:25

Olaf Petersen - Parcoursbauer in Seoul und Athen bei Olympia

(Foto: privat)

Vor 30 Jahren fiel in Berlin in der Nacht zum 10. November 1989 die Mauer. Zwei Wochen danach fand in der berühmten traditionsreichen Deutschlandhalle ein emotionsgeladenes und denkwürdiges Turnier statt, das jedem Dabeigewesenen unvergesslich bleiben wird.  

 

In der von Tradition, Geschichte und Erinnerungen voll gepfropften Deutschlandhalle war an jenem Abend vor nunmehr 30 Jahren ein unglaubliches Gewusel. Es gab kein West- und kein Ost-Berlin mehr, auch wenn die Westler wie schon in den vergangenen Jahren mit breiter Brust herumstolzierten. Die Deutschen aus dem anderen Teil der Stadt traten eher schüchtern auf, zurückhaltend und scheu. So trafen sich an jenem Abend in der Deutschlandhalle Blicke von denen, die selbstbewusst herumflanierten wie immer und jenen, die wahrlich noch nicht so recht wussten, ob die DDR nun tatsächlich bereits Geschichte sei mit den damit verbundenen teilweise unvergesslichen schlimmen Erinnerungen, die für alle Zeiten eingraviert, unverzeihbar und unvergesslich bleiben. Doch in diesen Stunden in der Deutschlandhalle zwei Wochen nach der Maueröffnung war unter den genau 6.564 Besuchern nur Freude, Dankbarkeit, Hochgefühl. Vor allem natürlich beim Landwirt Fritz Berger aus Niedersteinbach bei Leipzig. Er hatte gerade eine Reise nach Amsterdam gewonnen. Er trat vor in die Mitte des Parcours, griff sich beherzt das Mikrofon und sagte: „Sie wissen ja gar nicht, wie wir euch traurig hinter der Mauer zugejubelt haben. Wir wünschten uns nur jenen Tag, der uns wieder zusammenbringt. Heute war vielleicht ein neuer Anfang.“ Für viele sicher später ein langer Anfang…  

Springreiter sammelten für einen PKW

Die Deutschlandhalle wurde an jenem Abend zu einem Treffpunkt aller Deutschen, die Mauer war auch in den Herzen niedergerissen. Die Deutschen liefen sich, egal ob aus Ost oder West, einfach in die Arme. Es war eine nicht organisierte herrliche Fete. Es gab Freitickets oder Karten zu verbilligten Preisen, und für jeden „DDR-ler“ zudem etwas zu gewinnen, er musste nur aus dem nun ehemaligen  „Arbeiter- und Bauernstaat“ gekommen sein.

Die internationalen Springreiter sammelten unter sich und erwarben einen  VW-Golf im Werte von 15.000 Mark, der ging an die Reiterin Petra Henschel aus Golzow im Oderbruch. Sie sagte, nachdem sie die Zündschlüssel für den Wagen in der Hand hatte: „Meine Tränen kommen später, wenn ich erst begriffen habe, dass ich jetzt ein Auto besitze.“

HG Winkler holte einen Mauerstein

Vier Besucher wurden von Paul Schockemöhle und Ulli Kasselmann zur damals anstehenden und inzwischen längst weltbekannten Reitpferde-Auktion „PSI“ nach Ankum bei Osnabrück eingeladen, vier Zuschauer durften zum Dressur-Weltcupfinale nach Dortmund über Ostern. Insgesamt waren 1.800 Besucher aus der DDR an jenem Samstag in der Deutschlandhalle, darunter ein Ehepaar aus Weißensee. Erstmals nach 26 Jahren trafen die beiden Hans Günter Winkler wieder, den erfolgreichsten Springreiter hatten sie damals bei den obligatorischen Ost-West-Ausscheidungen zur Bildung einer gemeinsamen Olympia-Equipe aus Ost und West für die Spiele 1964 in Tokio in Weißensee kennen gelernt. Die Qualifikationen hatten damals in Weißensee im Osten und danach im Berliner Olympia-Reitstadion in West-Berlin stattgefunden. Das eigens für Reiten getrimmte Radstadion war mit 13.000 Zuschauern ausverkauft, Hans Günter Winkler wurde geradezu mit Ovationen überschüttet. Die Überlegenheit der West-Equipe mit HG Winkler auf Cornelia, Alwin Schockemöhle auf Freiherr, Hermann Schridde auf Dozent und Peter Schmitz auf Monodie war erdrückend. Zwei Tage später im Westen der geteilten Stadt hatte der großartige Parcours-Architekt Hans-Heinrich Brinckmann Hand angelegt. Von den DDR-Startern kam bis auf einen keiner ins Ziel und keiner in die Olympia-Equipe. Das Springen war vorzeitig abgebrochen worden.

Hans-Günter Winkler, im letzten Jahr im Alter von 92 Jahren verstorben, sagte noch an jenem Abend in der Deutschlandhalle: „Wer soll mir verdenken, dass auch ich Tränen in den Augen hatte.“ Und das wollte etwas heißen bei HGW, dem solche Äußerlichkeiten absolut fremd waren. Er war an jenem Morgen vor Beginn der Veranstaltung zur Mauer gefahren und hatte einen Stein mitgenommen, „ich glaube, ich habe einen historischen Moment erlebt“, sagte er später.

Und noch in jener Nacht fuhr der inzwischen wohl bekannteste Pferde-Chefchauffeur Fritz Johannsmann nach Karte Richtung Osten mit Ziel Hoppegarten, die früher große Adresse im Galopprennsport, „das war für mich immer schon ein besonderer Ort“. Johannsmann weiter: „Es gab ja noch keine Navis, ich fuhr also los auf Verdacht gen Osten, wo ich Hoppegarten hinter Berlin vermutete.“  Plötzlich war er an der Anlage, dunkel natürlich alles, nur das sogenannte Logierhaus war erleuchtet. An einem Tisch fünf Personen, „alle Trainer“. Und ihnen kaufte er noch eine Stute ab, „die war zwar schön, aber zu langsam für Galopprennen…“

Olaf Petersen flog extra nach Berlin

Olaf Petersen, einer der besten Parcours-Architekten der Welt, gebürtiger Berliner („bis 1944 war ich in Berlin, danach zogen meine Eltern mit mir weg, da die Stadt im Bombenhagel lag“),  wurde am Morgen jenes denkwürdigen 9. November von Michael Reithmann per Telefon geweckt. „Du“, sagte der frühere Generalsekretär der deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) und danach Turnierdirektor des CHI in der Deutschlandhalle, „Du musst sofort kommen. Hier ist einiges los.“

Petersen, für die Hindernisgestaltung in der Deutschlandhalle verantwortlich, folgte dem Ruf Reithmanns. Er ahnte so wenig wie viele andere in der Bundesrepublik, dass sich Großes tat.

Der Unternehmer in Papier, damals noch im Münsterland zuhause, nahm am Donnerstagnachmittag des 9. November in Münster einen Flieger nach Berlin, zwei Wochen vor Turnierbeginn. Er sagte später: „Gegen 19 Uhr 30 war ich im Hotel. Ich duschte, ließ aber den kleinen Fernsehapparat laufen. Dann hörte ich: Die Mauer ist offen.“  Petersen, einziger seiner Zunft, der zweimal für Olympia als Parcourschef verpflichtet wurde, „rein in die Klamotten, Taxi, ab zur Bernauer Straße“.

Es sei unbeschreiblich gewesen, sagt er, Menschen strömten von West nach Ost und umgekehrt. Olaf Petersen lief damals gegen den Strom, in den Ostteil der geteilten Stadt. „Nach 500 Metern dachte ich, Mensch, Du bist ja in der falschen Ecke, ohne Ausweis, was ist, wenn Dich einer nach Papieren fragt und man Dich möglicherweise  einsperrt...“ Da sei ein kleiner Renault-PKW gekommen „mit sieben Leuten schon überladen. Man nahm mich auch noch als Achten mit – und ab zum Kurfürsten-Damm“.

Ganz Berlin feierte, „überall wurde getanzt, die Menschen lagen sich freudetrunken in den Armen, es wurde gesungen, gelacht und geweint“ (Olaf Petersen). Er flog am nächsten Morgen zurück nach Münster, ungeduscht, in den Klamotten des Vortages. er stank nach eigenen Angaben „wie ein Eber“, aber er sagte seinen Angestellten: „Ich kann euch alle verstehen. Ich sehe nicht gerade toll aus. Aber, das darf ich behaupten: Ich habe gestern einen historischen Tag in der Geschichte erlebt...“

„Berlin behält den Springreiter-Weltcup...“

In der Euphorie um den Mauerfall wollte auch der Sport nicht zurückstecken. So erklärte der damalige Schweizer Weltcup-Direktor Max Ammann: „Berlin wird immer Austragungsort des Springreiter-Weltcups bleiben, denn diese außergewöhnliche Stadt wird immer eine Brücke zwischen Ost und West sein.“ Und Berlins Stadtoberen verkündeten gar, die Deutschlandhalle werde erweitert. Nichts blieb von den Versprechungen. Die Deutschlandhalle als mal Mittelpunkt gesellschaftlicher und sportlicher Großereignisse wurde bald abgerissen, der Weltcup zog in Berlin ein paar mal um, doch er hatte keine Bleibe mehr in der deutschen Hauptstadt.

In Gera eine besondere Mauer…

Im Juni des darauffolgenden Jahres fand in Gera des insgesamt viertletzte Offizielle Internationale Springreiterturnier (CSIO) des DDR-Verbandes statt, wofür sich vor allem der damalige bundesdeutsche Präsident und „Vize“ im Weltverband, Dieter Graf Landsberg-Velen, stark gemacht hatte. Hauptsponsor war das britische Luxusunternehmen Dunhill, mit eigenem Zelt, wo sich die VIP`s breitmachen durften. Als Parcoursbauer hatten die Organisatoren Olaf Petersen Senior verpflichtet, der hatte Zugang zu den exquisiten Getränken und Speisen des Sponsors, seine  drei Mitarbeiter nicht. Alles Bitten und Betteln half nichts. Da hatte Petersen einen  besonderen Einfall. Er ließ bereits zu Beginn des CSIO die 2,20 Mauer für das damals im Programm enthaltene und für Samstagabend vorgesehene Mächtigkeitsspringen genau vor das Zelt stellen, von dort war kaum noch Sicht auf den Parcours. Und dann kam Weltcup-Direktor Max Ammann (Schweiz), denn der Große Preis am Schlusstag war gleichzeitig auch Qualifikation der Osteuropaliga für das Weltpokalfinale, der wollte natürlich die Mauer vom VIP-Bereich auf die Seite geschoben sehen. Petersen blieb hartnäckig, „entweder erhalten meine Mitarbeiter Zutritt zum VIP-Zelt – oder die Mauer bleibt so stehen“. Ammann konnte die Verantwortlichen schließlich umstimmen, die etwas andere Mauer wurde dann nochmals geschleift…

 

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