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Erinnerung an den DDR-Oberst und Dressurrichter Erich Heinrich PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Gerd Lemke/ DL   
Donnerstag, 07. November 2019 um 13:22

 

Gruppenfoto vor vielen Jahren beim CHIO in Aachen (von links) Springreiter-Olympiasieger Alwin Schockemöhle, Gerd Lemke (dpa), Bodo Müller (Bild) und Dieter Ludwig (sid)

(Foto: Werner Ernst)

Leichlingen. Im Zuge der vielen Veröffentlichungen zum Mauerfall in Berlin vor 30 Jahren holte auch Gerd Lemke (89) wieder seine Notizen hervor. Der frühere dpa-Journalist für Wirtschaft, der für die Agentur auch speziell über Reiten von Olympia oder anderen internationalen Championaten berichtete, pflegte zu DDR-Oberst Erich Heinrich (+2011) eine ganz besondere Freundschaft.  Das hielt der Dressurbegeisterte wie in einem Tagebuch auch fest.

 

Richter Erich Heinrich kam aus Dresden, der Weltverband FEI führte ihn als einzigen O-Richter aus der DDR. So war er der vom Reglement oft vorgeschriebene „ausländische Richter“ bei internationalen Dressurturnieren. Und so erhielt er eben als „Ausländer“ auch Einladungen als Notengeber bei Turnieren in der Bundesrepublik. Doch mit dem Mauerfall war er kein Ausländer mehr. „Erich Heinrich ist wohl eher ein Verlierer der deutschen Wiedervereinigung“, meinte der französische Richterkollege Bernard Maurel.

Die innerdeutsche Grenze konnte jedoch hilfsbereite Freundschaft zwischen Dressurrichtern hüben und drüben nie verhindern. „Joachim Bösche hat mir, genau gesagt meinem Sohn Hans-Günter, beim Studium sehr geholfen“, berichtete Erich Heinrich offen. Der frühere Vorsitzender der Deutschen Richtervereinigung, der an diesem 7. November 93 Jahre alt wurde, sagt: „Der Sohn von Erich wollte bestimmte wissenschaftliche Veröffentlichungen haben, auf deren Grundlage ein Professor unterrichtete. Mit etwas Mühe erwarb ich sie in Westberlin. Sie kamen nach Braunschweig zu mir. Beim nächsten gemeinsamen Turnier, ich glaube es war in Skandinavien, gab ich sie Erich“, erzählte Dr. Erich Bösche (Braunschweig) und schmunzelte über den politisch erzwungenen Umweg.

Was mich beeindruckte und verwirrte

Die Dressur-Europameisterschaft in Laxenburg nahe Wien im Jahr 1981 war der Beginn unserer Freundschaft. Bei der Vorbereitung der Titelkämpfe vom 16. bis 20. September hatte der Veranstalter offenbar Probleme mit den Quartieren. So mussten alle Richter und die akkreditierten Journalisten in Maria-Enzersdorf in einem Senioren-Wohnstift Quartier beziehen. Erst gab es bei fast allen lange Gesichter, Änderungswünsche und Flüche, doch bald hatte die Truppe der Richter und Journalisten alles im Griff. Bester Beweis: Ab 21 Uhr sollte die Kantine im Aufenthaltsraum geschlossen werden. Das war zur Zufriedenheit aller schnell außer Kraft gesetzt. Wir wurden stets in den späteren Abendstunden auch noch freundlich bedient. Für meine Frau und für mich war es selbstverständlich die Nähe des Richters aus der DDR zu suchen. Uns interessierte schon immer, möglichst viel über das Leben der Menschen in dem Teil Deutschlands zu erfahren, der uns weitgehend verschlossen war.

 

Erich Heinrich

(Foto: Werner Ernst)

Schon an einem der ersten Tage fragte mich „der Oberst“ – wie er bei uns allgemein genannt wurde – ob ich wohl jemanden wüsste, der am Abend nach Wien fahren würde, Oberst Ernst Albrecht, der Chef der Spanischen Hofreitschule hätte ihm nämlich zwei Ehrenkarten gegeben. „Wenn Dein Oberst-Kollege noch zwei Ehrenkarten für Deinen Chauffeur hat, ist alles klar“, war meine Antwort. Es ging klar. Dann stand er am Abend bereit, um sich von mir gemeinsam mit seiner Richter-Kollegin Prof. Elena Kondratiewa aus der UdSSR zur Hofburg fahren zu lassen. Er auf dem Beifahrersitz, seine sowjetische Richterkollegin und meine Frau im Fonds. So kamen wir, Gerd und Gisela Lemke, zu einem Besuch in der Spanischen Hofreitschule, wie wir ihn sonst nie erlebt hätten. Sitzplatz in der Kaiserloge mit anschließendem Empfang zu einem Glas Sekt im Büro des Chefs. Weniger unproblematisch war der Stopp in einem Dorfrestaurant während der Rückfahrt: Elena Kondratiewa sprach nur (!!!) russisch. Dennoch: Es war ein schöner, interessanter Abend, wenn ich auch nun keinen Shell-Atlas mehr besaß. Aber das ist eine andere Geschichte.

Zu den Tagen von Laxenburg in Österreich gehört auch: Als wir in kleiner Runde auf dem Turnierplatz plauderten – zwischen den Ritten gab es ja schließlich Pausen – erzählte uns der Oberst, dass er seinen freien Tag zu einer Fahrt mit der Semmeringbahn nutzen wolle. In seiner Jugend habe er mal die Geschichte „Als ich noch der Waldbauernbub war“ von Peter Rosegger gelesen. Daher der Wunsch, ihn nun zu verwirklichen. Natürlich wurde gescherzt und mit den unvermeidlichen Ratschlägen nicht gespart. Auf das Unvermeidliche „Erich, dann pass gut auf Dich auf“, konterte er spontan, leicht verschmitzt, wie es oft seine Art war: „Dafür werden schon andere sorgen.“ Zweifel nach dem Sinn seiner Antwort blieben.

Zu den Erinnerungen von 1981 gehört natürlich auch ein Besuch beim Heurigen. Natürlich war Erich Heinrich dabei, als die Clique der Richter und Journalisten fast vollzählig aus Maria-Enzersdorf eines Abends dahin fuhr. Wir hatten einige wirklich nette Stunden, an die ich heute noch gern denke. Übrigens: Das Valuta-Problem wurde ganz schnell ohne Worte problemlos international gelöst. Nicht nur für die Kollegen und Freunde aus Deutschland gehörte er einfach dazu.

Nach Aachen zuerst auf den Rhein

Erst viele Jahre später wurde mir so richtig klar, was die Aussage über Aufpasser bei seiner Fahrt mit der Semmering-Bahn zu bedeuten hatte. Dennoch nutzte Erich Heinrich jede Gelegenheit – oft hat er dabei sicher die Grenzen des ihm Erlaubten überschritten – die Welt, besonders Deutschland, kennen zu lernen, zu erleben. So erzählte er von einer Fahrt zum Turnier nach Aachen, wo er die Eisenbahn verlassen hatte, um einen Teil der Strecke per Schiff auf dem Rhein zurückzulegen. Dass er während eines Turniers in Dortmund mit dem Zug zu uns nach Langenfeld kam, war sicher auch ein Abweichen von vorgeschriebenen Wegen.

Doch wie das „Aufpassen“ funktionierte, konnte er mir – natürlich – erst viele Jahre später erklären. Die Geschichte lautet etwa so: Eines Tages kam der Admiral Verner aus dem Ministerium zu uns in die Akademie nach Dresden. Während er seine Besprechungen hatte, kam sein mir von früher gut bekannter Adjutant auf einen Kaffee zu mir. Der sagte mir plötzlich, dass der Admiral, der als Chef der politischen Abteilung alle Auslandsreisen von mir genehmigen musste, von mir sehr angetan wäre. Ich wusste nicht warum, kannte ich doch den Admiral nur von zwei flüchtigen dienstlichen Begegnungen. Doch dann erklärte er mir, es sei ‚wegen Aachen und dem Film’. Erst verstand ich überhaupt nichts, dann erfuhr ich und ich erinnerte mich: Während des Aachener Turniers hatte mich ein mir bekannter Mann angesprochen, den fast jeder in der Reitsportszene der DDR als Helfer auf Turnieren kannte. Er wollte mit mir in die Stadt, er hätte ja Westgeld von seiner Schwester. Dann versuchte er mich erst in die Bordellstraße, dann in einen Porno-Film zu führen. Beides habe ich –wohl gestenreich – abgelehnt. Denn, so berichtet der Adjutant, der Film sei zwar ohne Ton, doch mein Verhalten sei ja eindeutig. Das habe dem Admiral imponiert.

Ein überraschendes Wiedersehen, zwei Jahre nach unserer ‚österreichischen Bekanntschaft’, prägte entscheidend mein Bild von Erich Heinrich. Ich war Teilnehmer einer Gruppenreise im September 1983, die uns mit dem Bus von Düsseldorf über Eisenach, Weimar, Leipzig nach Dresden führte. Am Sonntag machte ich mich ‚selbständig’, erfuhr von einer Nachbarin, dass ich Erich Heinrich in Moritzburg bei der Hengstparade finden könnte. Als ich dort vor der Ehrentribüne stand, zu ihm rauf grüßte, fiel ihm natürlich der Unterkiefer runter. Es folgten einige Minuten mit verlegenem Small-Talk, ich verabschiedete mich. „Aber Gerd, heute Abend kommst Du mich doch noch zu Hause besuchen“, sagte er zu mir. Alle Menschen in seiner Nähe konnten es hören. Mich beeindruckte dies. Wann immer ich später Erich Heinrich charakterisieren sollte, erwähnte ich diese Begegnung. Und alle (!!!) DDR-Bürger, denen ich davon berichtete, sagten: Der Mann hat aber Mut gehabt.

Übrigens: Nicht nur wegen seines großen Bestandes an ausgesuchten Tropfen, dauerte der Abend recht lange. Später teilte er  mir mit, am nächsten Morgen habe ihn sein erster Weg zum Politoffizier geführt, um vom Besuch zu berichten. Der aber habe nur gesagt: Erich, das wissen wir schon, aber warum hast Du das nicht vorher gemeldet.

„Leben wie bei euch – arbeiten wie bei uns“

War es bei meinem Überraschungsbesuch die Haltung die mich so beeindruckte, dass ich immer wieder davon erzählte. So war sein klarer Blick für mich mindestens ebenso beeindruckend. Auch das musste ich immer erwähnen, wenn im Kollegen- oder Bekanntenkreis über den Dressurrichter „Oberst Erich Heinrich“ gesprochen wurde. Wie er bei seinen wenigen Reisen in den Westen in jeweils sehr kurzer Zeit die Erkenntnis gewinnen konnte, blieb für mich stets ein Rätsel. Zumal er ja die meiste Zeit auf dem Turniergelände verbrachte, nicht viel Zeit hatte, um sich über Land und Leute zu informieren. Jedenfalls sagte er mir einmal – und das war lange vor dem Fall der Mauer: „Gerd, die Menschen bei uns wollen leben wie ihr im Westen - und arbeiten wie wir im Osten. Das zusammen geht nicht !“

Wir Bundesbürger hatten in den meisten Fällen sicher eine falsche Vorstellung von der Stellung, den Möglichkeiten und Privilegien eines Oberst in der Nationalen Volksarmee. So wunderten wir uns oft über seine Vorsicht und Zurückhaltung. Später nach dem ‚Aachen-Film’ wurde mir einiges klar. Wir ahnten nicht, dass er bei seiner Rückreise in die DDR vom Zoll genauso „gefilzt“ wurde, wie jeder ‚Normalbürger’, dass er deshalb sehr zurückhaltend war, wenn es galt, Dinge mit nach Hause zu nehmen. Recht plastisch konnte er die Prozedur auf beiden Seiten der innerdeutschen Grenze beschreiben. Er wusste genau, warum die Grenz- und Zollkontrollen immer laut und deutlich die Angaben aus dem Pass wiederholten. Doch vorsichtig, korrekt, war er auch bei der Ausfuhr von begehrten Gütern aus der DDR. Sein Richter-Kollege Franz-Karl Peiß  aus Duisburg, der ihm übrigens auch beim Vervollständigen seiner Karl-May-Sammlung sehr behilflich war, wollte immer mit seiner Hilfe günstig an Meißener Porzellan kommen. Für ihn kein Thema.

„Roter Paradiesvogel“ nannte ihn FK Peiß

Der „Rote Paradiesvogel“, wie Franz-Karl Peiß ihn nannte, kannte also durchaus seine Grenzen, wusste, was er durfte und was nicht. Dass er stets unorthodox wirkte, dass er alles Ideologische vermissen ließ, mag manch einen getäuscht haben.

Der Höhepunkt seiner internationalen Laufbahn als Dressurrichter waren sicher die Olympischen Spiele 1980 in Moskau. Sie waren stark von der Politik beeinflusst. Wegen des Einmarschs der sowjetischen Truppen in Afghanistan hatten sich fast alle westlichen Nationen zum Boykott der Spiele entschlossen. Damit hatten die Wettbewerbe der Reiter nicht nur an  sportlichem Wert verloren, auch das Teilnehmerfeld war gewaltig geschrumpft. So erlebte Erich, wie er mir berichtete, das Bemühen der UdSSR von der DDR die Zusage einer Dressur-Mannschaft zu bekommen. Er sah darin eine Gefahr für die Sportpolitik der DDR, fürchtete er doch, die DDR-Dressurreiter könnten damit den Anspruch auf Turnierteilnahmen im Westen begründen, wo sie sich furchtbar blamieren würden.

Er war der einzige Richter aus der DDR, der auf der Liste des Internationalen Pferdesportverbandes FEI das Gütezeichen „Offiziell“ hatte, also bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften mit über Medaillen und Titel entscheiden konnte. Dass und vor allem wie sehr bei seiner Richter-Tätigkeit die Politik eine Rolle spielte, er dadurch gelegentlich in einem falschen Licht gesehen wurde, konnte er mir natürlich erst nach dem Ende der DDR erzählen und erklären. Seine Kritiker wussten wohl kaum, wie sehr sein sportliches Engagement in westlichen Nationen von der DDR-Sportführung beobachtet wurde. So war es nicht ‚kleinkariert’, dass er 1979 im dänischen Aarhus auch „seine“ DDR-Flagge verlangte. Niemand kannte bei den Veranstaltern in Stuttgart auch den wahren Grund für seine plötzliche Absage: Er musste unter fadenscheinigen Gründen absagen, weil die DDR-Sportführung plötzlich darüber gestolpert war, dass das Turnier unter dem Titel „German Masters“ propagiert wurde. Dass gar Manfred Ewald, der Mann an der Spitze des gesamten DDR-Sports von ihm Rechenschaft über seine Noten bei der Europameisterschaft der Junioren 1983 in München forderte, war in der Bundesrepublik nicht vorstellbar. Dass Einladungen für ihn – im Gegensatz zu allen anderen Richtern – bei Turnieren außerhalb des Ostblocks stets den Umweg über die FEI in der Schweiz nahmen, konnten Richter in der Bundesrepublik ebenso wenig verstehen. Doch nur so, das hatte er herausgefunden, konnte er sicher sein, dass sie ihn auch erreichten.

Geradezu knauserig ging Erich Heinrich mit den Tagesspesen um, die er in westlicher Währung erhielt. Kaum einer ahnte wohl, wozu er das Geld brauchte, welche Wünsche Vorgesetzte und Kollegen hatten, wie er der Familie mit Dingen eine Freude machen wollte, die in der DDR nicht zu erhalten waren. Den eventuellen Neid auf seine Westreisen wollte er möglichst gering halten. Deshalb bedachte er auch die Sekretärinnen in der Akademie. Doch sein Schreck war groß, als die von ihm mitgebrachten Fläschchen 4711 – deutlich als Westerzeugnisse zu erkennen - plötzlich gut sichtbar auf ihren Schreibtischen standen…

Die Umstände erlaubten es ihm nicht, sich für die Hilfen, die er nicht nur bei ‚Mitbringseln’ erfuhr, dankbar zu zeigen,  wie er es sicher gern getan hätte. Er versuchte es, soweit es ihm möglich war. So ziert heute noch mancher prächtige Bildband den Bücherschrank von Freunden. In der Bundesrepublik wären diese Bücher sehr (!!!) teuer gewesen. Und die Weihnachtspakete mit einem original  Dresdner Stollen waren so etwas wie Tradition, wenn er auch nicht Christstollen heißen durfte, sondern den Aufdruck Weihnachtsstollen trug.

Da waren die Pferde durchgegangen

Dass Erich Heinrich Humor hatte, um eine treffende Antwort nicht verlegen war, hatte ich schon oft erlebt. So gab er einmal dem heftigen Drängen einer fröhlichen Runde nach, doch einen Schnaps mitzutrinken, entschied sich aber gegen Cognac und für Korn: „Den sieht die Leber nicht!“ Doch leider habe ich Erich Heinrich in der Rolle als Schwejk nicht selbst erleben können. Er hat mir nur berichtet, was mir Teilnehmer später bestätigten: Beim Turnier 1984 in Polen ging es sehr offiziell zu. Den Mannschaften wurde beim Einmarsch ein Schild mit dem Namen ihrer Nation vorangetragen. Also die Bundesrepublik (FRG) unmittelbar vor der DDR (GDR). Plötzlich ritten nicht vier, sondern die acht Teilnehmer beider Nationen nebeneinander. Die Teams hatten sich vereinigt, Große Aufregung über den politischen Skandal auf der Ehrentribüne. Doch Erich Heinrich beruhigte die Gemüter. „Was können wir tun, wenn den einen die Pferde durchgehen ?“ Ob er da wohl ahnte, dass die Reiter „wir kannten uns doch sehr alle gut“ sich abgesprochen hatten ?

Seine klare Sicht der Dinge, seine eigene Meinung hat der Ex-Oberst der NVA mit der politischen Wende nicht verloren. So erzählte er mir einmal von Gesprächen in einer Runde ehemaliger Kollegen der Militärakademie. „Alle hatten zu meckern, sie schimpften, wie schlecht es uns gehe und dass wir schlecht behandelt würden. Irgendwann wurde es mir zu bunt. Passt mal auf, sagte ich. Hätten wir diesen Krieg gewonnen, hätten wir alle Generäle der Bundeswehr nach Sibirien geschickt, die Obristen wären in die Wismut gekommen und die übrigen Offiziere hätten sehen können, wo sie bleiben. Wir bekommen eine ordentliche Rente und leben in Frieden. Also seid ruhig !“ Dass sich jemand im „feindlichen Lager“ mit solchen Worten mutig unbeliebt macht, konnte ich mir kaum vorstellen. Also behielt ich  die Geschichte für mich. Doch bei der Deutschen Meisterschaft der Reiter in Gera fragte einer meiner Kollegen den „Macher“ des Turniers: „Wie geht es eigentlich Erich Heinrich ?“ Da erfuhr er genau diese Geschichte. Nun wusste ich, sie stimmt.

Wunderbarer Fremdenführer in Dresden

Unvergesslich wird uns, meiner Frau und mir, stets unserer Besuch 1988 in Dresden bleiben. Keiner von uns ahnte doch damals, dass ein gutes Jahr später die Grenzen offen sein würden. So mussten wir uns noch brav ins Hausbuch eintragen und ebenso artig bei der Volkspolizei melden. Doch Erich hatte unsere Dresdner Tage unvergleichlich vorbereitet und „vollgepackt“. Es fehlte an Nichts. Das Programm mit Semperoper, Grünem Gewölbe und Meissner Weinkeller war perfekt. Natürlich fehlte auch seine persönliche Stadtführung nicht. Dabei konnte ihm kein Profi das Wasser reichen. Dass der Besuch auf der Festung Königstein buchstäblich ins Wasser fiel, war nicht seine Schuld. Doch der nicht geplante Umweg nach Pillnitz hat uns mehr als entschädigt. Wie sehr er auf seine Gäste einging, wenn Wünsche zu Dresden und Umgebung kamen, wie prompt er sie erfüllte, habe ich dann noch einmal einige Jahre später erfahren. Kaum hatte ich unter Hinweis auf meine Schulzeit den Wunsch geäußert, mal auf die Schneekoppe zu kommen, waren wir am nächsten Tag schon dort. Einziger Nachteil: Wir mussten sehr früh aufstehen.

Bei unserem Besuch im August 1988 in Dresden habe ich auch einen anderen  NVA-Oberst Erich Heinrich kennen gelernt, der sich über das deutsch-deutsche Verhältnis und mögliche Zusammenstöße seine eigenen Gedanken machte. Es gehört zu den kleinen Begebenheiten, die ich nie vergessen werde. Wir saßen auf dem Balkon und blickten auf die Ernst-Thälmann-Straße, wo die Betriebskampfgruppen für eine am nächsten Tag stattfindende Parade probten. Mein nachdenklicher Gastgeber meinte: „Vor denen habe ich am meisten Angst.“ Auf meine Nachfrage erklärte er mir dann, dass diese Pseudo-Armee im Ernstfall wohl kaum kontrollierbar und außerdem viel zu reichlich mit Waffen versorgt wäre.

Dass ihm seine Heimatstadt sehr viel bedeutete, wie gekonnt, geradezu leidenschaftlich er über sie und von ihr berichtete, habe ich später noch mehrmals erfahren. Ob wie unser Klassentreffen in Dresden hatten, Cousine und Cousin aus Lunzenau mit uns nach Dresden wollten, immer stand er als Fremdenführer bereit. Als ich bei einem Gewerkschaftskongress in Dresden war, konnte er es kaum erwarten, drängte sogar, um einige Kollegen und mir mit seiner Spezialführung zu erfreuen. Ob sie die Geschichte von den Gesichtern der Frauenfiguren am Zwinger von einem anderen erfahren hätten, weiß ich nicht. Das ‚Penis-Tor’ hätte ihnen bestimmt kein anderer erklärt. Und er hatte dabei das, was man wohl ‚diebische Freude’ nennt. Wie habe ich immer zu allen gesagt: Erich Heinrich ist von Beruf Dresdner.  Und zu allen diesen Besuchen bei Erich Heinrich in Dresden gehörten zu Lebzeiten seiner Frau Alice stets Dresdner Quarkkeulchen…

 

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