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Paul Schockemöhle - der Mann der Taten - nicht der Worte - nun 75 PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Dieter Ludwig   
Freitag, 20. März 2020 um 19:14

Paul Schockemöhle zwischen seinen Zuchtstuten mit Fohlen in Lewitz - in dieser Welt fühlt er sich am wohlsten

(Foto: Werner Ernst)

Mühlen. Mindestens in Europa, wenn nicht sogar weltweit, ist Paul Schockemöhle die bekannteste Persönlichkeit im Turniersport. Am an diesem 22. März wurde er 75.

 

Nicht selten hantiert er schon  morgens im Bett mit dem Handy, Paul Schockemöhle ist eben Geschäftsmann durch und durch. Auf Äußerlichkeiten legt er wenig wert, jahrelang wohnte er in Mühlen zur Miete, er sagte, „warum brauche ich ein Haus, geht mir doch so auch gut“.  Pommes mit einem halben Hähnchen reichen ihm Mittags. Und dass einer aus dem Dorf Mühlen nicht ins benachbarte Steinfeld zieht, das juckte ihn auch nicht. Dort hat er ein Haus erworben. Der nun ergraute Leitwolf innerhalb des internationalen Clubs der Springreiter ist ruhiger geworden, nicht mehr so spontan aggressiv wie oft früher, doch innerlich brodelt noch manches Feuer in ihm. Er blieb immer eines: Ein Mann der Taten, nicht der Worte. Wer ihn brauchte, konnte seiner Hilfe sicher sein.

  

Als sein Bruder Alwin (82) auf Ferdl in Rom 1960 zusammen mit Hans Günter Winkler und Fritz Thiedemann  Mannschafts-Olympiasieger wurde, nagelte Paul Schockemöhle  auf dem über 400 Jahre alten elterlichen Hof  seine ersten Hühnerställe zusammen. Zwei Jahre später war er Europas größter Eierproduzent. Täglich legten seine Hennen 1,5 Millionen Eier. Nach dem Abitur ging er zuerst einmal zur Uni Münster, dort belegte er die Fächer Betriebswirtschaft, Kreditverkehr und Buchhaltung. Nach dem ersten Semester sagte er: "Das reicht. Mehr kann ich hier auch nicht lernen." Die Hühner legten ja goldene Eier. Als 17jähriger war er schon DM-Millionär.

Kein Spätberufener des Sports

Mit Springreiten befasste sich der Mann aus Südoldenburg nach Anfängen  erst intensiv  mit 23 Jahren. "Ich war kein Spätberufener", sagt er, "berufen war ich nicht." Doch was er anpackt, macht ein Paul Schockemöhle mit abgrundtiefer Leidenschaft, Ehrgeiz und Verstand, aber auch mit Dickköpfigkeit. Und nichts kann ihn dann mehr aufhalten. Was er als Springreiter und als Geschäftsmann erreichte, hat er sich alles allein erarbeitet. Als Gesellschafter verschiedener Firmen, mit  einer Spedition, im Baubereich, auf dem Kunststoffsektor, mit Immobilien (Deutschland und USA)  -  auch mal mit Altersheimen - und in der Pferdezucht, setzt er im Jahr rund 300 Millionen Euro um. Gut 5.000 Pferde besitzt er, 40 gekörte  Hengste, die Zucht ist Teil seines Lebens geworden. Die Zucht hat den Sport abgelöst. Etwa  1.000 Angestellte stehen auf den Lohnzetteln. An Selbstbewusstsein hat`s ihm auch nie gefehlt. Als er 1971 nicht für die Europameisterschaft nominiert wurde, verkaufte er seine vier Spitzenpferde im Lot für damals märchenhafte 800.000 Mark an den damaligen Bau-Löwen vom Niederrhein, Josef Kun in Moers. Darunter war der Spitzenwallach Askan, auf dem der neue Kun-Angestellte Gerd Wiltfang ein Jahr später Team-Gold bei Olympia in München gewann. 1975 überging ihn der Springausschuss erneut für das kontinentale Championat in München. Auf einer von ihm nach Düsseldorf einberufenen Pressekonferenz wetterte dann los,"wie ich belogen und betrogen wurde“. Und er sagte: „Ich verlange keine Milde, keine Ausnahmeregel, aber Recht." Er wurde auch für alle anderen seiner Zunft zum Wortführer. Oft wusste man nicht,  ob er in vielen Situationen mehr mit Herz oder Verstand operierte.

Am 13. September 1981 in München gewann er erstmals die Europameisterschaft.  Er ritt und stritt auch damals. Einem Hamburger Journalisten blies er kurz vor seiner letzten Runde noch  heftig den Marsch, dann ritt er ein - und gewann.  Als bisher einziger Springreiter noch zweimal hintereinander, jeweils auf dem Hannoveraner Wallach Deister, den keine Schönheit drückte, der aber für immer unvergessen bleibt. So meinte er auch mal: „Alle Pferde sind bei mir zu kaufen – nur Deister nicht.“ 1.428.399 Mark Gewinngeld sprang Deister im Sport ein, für damalige Verhältnisse schier unglaublich. Im August 2000 musste der Wallach eingeschläfert werden, bis zuletzt hatte er seine vertraute Box in Mühlen und sein gewohntes Umfeld. Er wurde 29 Jahre alt.

Schockemöhle: "Ich hielt mich nie für einen begnadeten Reiter. Was ich habe und hatte, das ist Ehrgeiz, Kampfgeist und Gefühl für Pferde. Aber vielleicht arbeitete ich auch ein bisschen mehr als andere." Silber und Bronze brachte er mit von den Olympischen Spielen 1976 und 1984, mit dem Team wurde er 1982 Vizeweltmeister, sechs Mal legte man ihm die deutsche Championatsschärpe um die Schulter, erst sein ehemaliger Schüler Ludger Beerbaum löste ihn als Rekordhalter ab.

Abschied in St, Gallen mit Pfiffen

Den sportlichen Abschied nahm er 1987 bei der Europameisterschaft in St.Gallen. Er schimpfte zwar über die grauenhaften Bodenverhältnisse nach tagelangem Regen, wurde gar daraufhin sogar öffentlich vom Platzansager verhöhnt und den Zuschauern ausgepfiffen. Doch gegen seinen Willen sattelte er seinen Deister nochmals, abseits des Gewinns einer weiteren Championatsmedaille, zur letzten Runde am Schlusstag, "ich wurde gezwungen, vom Springausschuss und vor allem auch von Hans Günter Winkler. Das ist mein schmerzlichstes Erlebnis im Sport, dass ich mich dem Druck beugte." Im Schlamm des Stadions erlitt Deister fast einen totalen Sehnenabriss, für ein Springpferd normalerweise das Ende, nicht nur der sportlichen Laufbahn. PS über Deister: "Der Wallach war weit mehr als ein Pferd für mich - wahrlich ein Freund. Ich schätzte an ihm vor allem seinen Charakter.“

Noch heute belastet ihn die Verletzung von Deister mehr als die Barr-Affaire von 1990. Damals zeigte Deutschland mit dem Finger auf ihn. Er war der Tierquäler,  er hatte in dem unbedarften und völlig pferdefremden  Günter Jauch als damaligen Moderator des Aktuellen Sportstudios im ZDF einen total unqualifizierten Gegenpart. Das Volk jaulte am Bildschirm auf,  Jauch hatte die Claqueure auf seiner Seite, Schockemöhle saß zusammen mit Dr. Reiner Klimke, die Barrstange in der Hand, hilflos und machtlos da, als der Film ablief. Auf dem Streifen wurden junge Auktionspferde mit Stangen touchiert, wie man heute sagt. Doch kein echtes  Nachfragen von Jauch folgte, er hätte sich möglicherweise den Abend verdorben, der Applaus war Jauch wichtiger als eine Diskussion über das Barren. Inzwischen ist längst wissenschaftlich erwiesen, dass fachmännisches Barren keine Tierquälerei ist.

Über medizinische Hilfe beim Pferd hat auch Paul Schockemöhle seine Meinung. Wer einem Pferd Schmerzen lindert oder nimmt, sei nun nicht auch schon gleich ein Doper, sagt er. Aber in der Reiterei sei eben alles verboten. Seine Forderung: Was die Leistung nicht beeinflusst, darf auch nicht als Doping bezeichnet werden.

Die neue Rolle des Paul S.

Seit 1991 spielt Paul Schockemöhle, der Achtung hat vor den Behindertensportlern, neue Rollen. Seine Starreiter von einst, Ludger Beerbaum, Otto Becker oder Franke Sloothaak, bewegen sich längst in ihrer eigenen Welt. Wer früher an eine rasche und gezielte Weiterentwicklung als Springreiter suchte, reiste nach Mühlen. So durchlief die dreimalige Weltcupgewinnerin Meredith Michaels-Beerbaum seine Schule, Jordaniens König Hussein entdeckte ihn als Coach für seine Tochter Haya, die spätere Olympia-Starterin und Präsidentin des Weltverbandes, und die Scheichs entsandten ihre Söhne meist erst einmal zu ihm. Erfolglos verließen sie Mühlen nie.

Paul Schockemöhle wurde zusätzlich Turnierveranstalter. 1988 erfand er mit dem Tennis-Mogul Ion Tiriac die "German Classics",  mit Ulli Kasselmann veranstaltet er alljährlich die PSI-Auktion mit erlesenen möglichen Cracks im Spring- und Dressursport. Die "Riders Tour" ist eine Miterfindung des Paul Schockemöhle, und auch der Weltcup geht letzten Endes auf ihn zurück. Verheiratet ist er in zweiter Ehe mit Bettina Gerdts, die ihm auch mal widerspricht. Aus erster Ehe stammt Tochter Vivien, einziges Kind, das vielleicht mal ein schweres Mit-Erbe antritt.

In der Zucht setzt er im Jahr rund 300 Millionen Euro um. Gut 5.000 Pferde besitzt er, 40 gekörte  Hengste, die Zucht ist Teil seines Lebens geworden. 1992 erwarb er in Mecklenburg-Vorpommern ein Areal von 3.300 ha, wo einst über 6.000 Kühe grasten, ist inzwischen die Heimat von 2.000 Pferden und Fohlen. Dort entstand  Gestüt Lewitz. 30.000 qm hat er überdachen lassen, dazu gibt es eine Halle von 17.000 qm. Schockemöhle ließ eine hochmoderne Veterinärstation errichten, die auch die Vermehrung durch Embryotransfer perfekt beherrscht. Die Pferde werden in Gruppen gehalten, ihrem Wesen entsprechend. Alles ist perfekt durchorganisiert, Schockemöhle gilt in der strukturschwachen Region als willkommener Arbeitgeber, für die Mitarbeiter ließ er auch zusätzlich Wohnungen bauen. Wenn er selbst kommt, bezieht er einen Container als Unterkunft. Insgesamt besitzt Paul Schockemöhle rund 5.000 Pferde.

Die Zucht hat den Sport abgelöst, „den habe ich hinter mir“, sagt er, auch wenn er immer noch als Coach gefragt ist, wie nun hinsichtlich auf die nicht mehr – wegen der Corona-Virus-Pandemie - so sicheren Olympischen Spiele in Tokio im Sommer, für die er vom japanischen nationalen Verband als Coach engagiert wurde. Dass der größte private Züchter des Planeten auch mal daneben greifen kann, belegt der Fall Totilas. Der Rapphengst war nach den Weltreiterspielen 2010 in Kentucky für neun Millionen Euro vom niederländischen Besitzer nach Deutschland verkauft worden, die Rechte zur Zucht erhielt Schockemöhle. Mit Totilas war der Niederländer Edward Gal zu allen drei möglichen Goldmedaillen in Kentucky geritten. Pro Portion Samen von Totilas hatten Interessenten 8.000 Euro zu löhnen, die Hälfte sofort, den zweiten Teil nach Geburt eines gesunden Fohlens. Im ersten Jahr sammelte Schockemöhle zwei Millionen Euro damit ein, danach ging Totilas lahm, und ohne sportliche Erfolge sank die Nachfrage nach dem Hengst als Vererber. Inzwischen kostet der Samen nur noch die Hälfte, Schockemöhle sagt: „Totilas war letzten Endes eine Fehlinvestition.“

Hoppegarten wollte er auch kaufen…

 

Nach der Wende 1989 interessierte sich Schockemöhle auch stark für die einstmals berühmte Galopprennbahn Hoppegarten vor den Toren Berlins. Die Anlage war heruntergewirtschaftet, das 440 ha große Areal befand sich in einem desolaten Zustand. Jährlicher Zuschussbetrieb in Höhe von zwei Millionen Mark. Die ehemalige Vorzeigebahn stand durch die Treuhand zum Verkauf, Interessenten waren der Union-Club als eingetragener Besitzer, das Land Brandenburg und Paul Schockemöhle. Schockemöhle legte ein Konzept vor, mit dem die beiden Konkurrenten nicht mithalten konnten. Der 61-malige Nationen-Preis-Starter versprach die Restaurierung und Erhalt der Bahn auf Weltniveau – ohne Subventionen.

Er plante außerdem die Errichtung einer Turniersportanlage, den Bau eines Hotels für Tagungen und einer Halle sowie die Schaffung einer Sportanlage und das Anlegen von genügend Parkplätzen, und er garantierte Arbeitsplätze. Dazu versprach er, sollte Berlin die Olympischen Sommerspiele 2000 erhalten, werde er Hoppegarten für die Reiterwettbewerbe kostenlos zur Verfügung stellen. In den Rennsport wollte er nicht einsteigen, doch er war sich sicher, „Renntage organisieren zu können.“ Die Politik verpasste die große Chance,  Schockemöhle bekam den Zuschlag nicht.

Am Sonntag also wird er, Paul Schockemöhle, 75 Jahre alt. Auf die Frage, wo er sich denn wohl aufhalte an seinem Ehrentag, darauf sagte sein Partner und Freund Ulli Kasselmann: „Natürlich zuhause – er gehört ja nun ebenfalls endgültig zu jener Altersgruppe, die durch die  Coronavirus-Pandemie besonders gefährdet ist…“

 

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